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Fischer-Kowalski Marina

08.09.2011 | 14:57 | von Martin Kugler (Die Presse)

Bild: (c) Michaela Bruckberger

Marina Fischer-Kowalski untersucht die gegenseitige Abhängigkeit von Natur und Gesellschaft. Sie ist damit international eine Vorreiterin – auch als Mitautorin eines UN-Berichts über die Ressourcennutzung.

Die Menschheit steht vor riesigen Problemen: Rohstoffe, Energie und Nahrungsmittel werden knapp, der Klimawandel schickt seine Vorboten aus. In den Augen von Marina Fischer-Kowalski sind das die Folgen eines falschen Verständnisses von der Welt. Es sei nun notwendig, Fehlentwicklungen auszugleichen, sagt die Professorin für Soziale Ökologie (Uni Klagenfurt), die in der Kategorie Forschung als „Österreicherin des Jahres“ nominiert ist. „Vor 200 Jahren gab es in der Wissenschaft eine Wirklichkeit, die Natur und Gesellschaft umfasste.“ Mitte des 19. Jahrhunderts habe sich die Einheit aber aufgelöst, entstanden sind getrennte Welten: Die Sozialwissenschaften und die Ökonomie glauben, die Natur ignorieren zu können, und umgekehrt ignorieren die Naturwissenschaften die Komplexität der Gesellschaft.

Die Soziale Ökologie versucht, die künstlich getrennten Welten wieder gemeinsam zu sehen. Sie untersucht, wie sich die Gesellschaft gegenüber der Natur verhält und welche Folgen das hat. Zentral ist dabei der Gedanke, dass der Mensch die Welt „kolonisiert“. „Wir gestalten die Welt nach unseren Wünschen um und versuchen, sie so zu erhalten. Dazu müssen wir uns selbst in bestimmter Weise organisieren. Und dadurch entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit.“ Wie diese aussieht, ist der entscheidende Punkt: „Nicht der Mensch als Art ist das Problem, sondern der Mensch in seiner gesellschaftlichen Organisation.“
Dass sie sich diesem interdisziplinären Forschungsgebiet widmet, sei eigentlich Zufall, so Fischer-Kowalski. „Ich war immer schon ein Naturfreak.“ Studiert hat sie aber Soziologie, zuletzt hat sie die soziologische Abteilung des IHS (Institut für höhere Studien) geleitet und dort z. B. für die OECD Lebensqualitäts-Berichte erstellt. Als Privatperson engagierte sie sich in Bürgerbewegungen – etwa gegen Zwentendorf oder Hainburg. Dann kam 1986 überraschend das Angebot eines Verlags, eine „Ökobilanz Österreichs“ zu schreiben. „Da bin ich auf den Gusto gekommen.“

Am Institut für Soziale Ökologie hat sie in den letzten 25 Jahren viele Begriffe und Methoden mitentwickelt, die heute weltweiter Standard sind. Etwa das Konzept vom „gesellschaftlichen Stoffwechsel“: welche und wie viele Ressourcen die Menschheit verbraucht. Jeder Österreicher verbraucht rund 80 Kilogramm Ressourcen pro Tag; dieser Wert ist in den letzten 50 Jahren um den Faktor 1,7 gestiegen. Der steigende Ressourcenverbrauch führt in einer begrenzten Welt zu Verteilungskämpfen. „Weitertun wie bisher“ („business as usual“) sei deshalb keine Option mehr, ist Fischer-Kowalski überzeugt. Ohne drastische Änderungen unseres Lebens- und Wirtschaftssystems werde man die Probleme nicht in den Griff bekommen.
Als Wissenschaftlerin fühle sie sich verantwortlich, die Forschungsergebnisse zu kommunizieren und in die Praxis umzusetzen. Fischer-Kowalski geht nicht so weit zu sagen, dass Wirtschaftswachstum an sich schlecht sei. Aber sie stellt die Frage, ob Wachstum eine so hohe Priorität haben müsse. „Man kann das Wirtschaftswachstum ressourcenschonender gestalten – auch wenn das nicht einfach ist.“

Die Menschheit müsse die derzeitige Übernutzung der Ressourcen reduzieren. Ein „Zurück“ sei dabei unmöglich, vielmehr müsse man die technologischen Möglichkeiten optimal nützen. „Es muss einen globalen Aushandlungsprozess über die Nutzung unseres Planeten geben – sonst stürzen wir in die Barbarei.“ Ihre Forschungsergebnisse werden in der ganzen Welt gehört. So war Fischer-Kowalski heuer Autorin des UNEP-Berichts „Decoupling“, die Ergebnisse hat sie in New York bei der UNO präsentiert und erst vorige Woche beim Weltressourcenforum in Davos.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2011)

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Bild: (c) Michaela Bruckberger