Hilfe gefragt: Wenn aus Kindern Mütter werden
11.09.2009 | 11:57 | (Die Presse)
Die Hebamme Uschi Reim-Hofer begleitet mit ihrem Projekt Young Mum schwangere Teenager. Sie ist in der Kategorie Humanitäres Engagement als Österreicherin des Jahres nominiert.
Am Anfang stand ein Selbstmord. Ein junges Mädchen, schwanger, hatte sich in seiner Verzweiflung umgebracht. Und: Die Freundinnen hatten davon gewusst, waren der Situation aber hilflos begegnet. Als Hebamme hatte Uschi Reim-Hofer schon oft schwangere Teenager betreut, wusste, wie ausweglos ihnen die Situation erscheinen kann. Doch das tote Mädchen aus ihrem Bekanntenkreis erschütterte sie. So sehr, dass sie beschloss, etwas zu tun.
Noch in derselben Nacht setzte sie sich hin und schrieb ein Konzept. Heute ist dieses Konzept Realität. Und Uschi Reim-Hofer bei der von der „Presse“ veranstalteten Wahl der „Österreicher des Jahres“ eine der Austria'09-Kandidatinnen in der Kategorie Humanitäres Engagement.
Bereits einmal hatte Reim-Hofer Pionierarbeit geleistet – sie hat das Wahlhebammenmodell entwickelt, das heute in ganz Österreich etabliert ist und das es Schwangeren ermöglicht, mit einer schon vertrauten, selbst gewählten Hebamme ins Krankenhaus zu gehen. Auch im Wiener Krankenhaus Göttlicher Heiland hatte sie dieses Modell eingeführt und gleichzeitig das Schwangeren-Beratungszentrum Haus Lena aufgebaut. Und hier war es auch, wo ihr schließlich die Möglichkeit geboten wurde, ihr Teenagerkonzept umzusetzen. „BabyDoll“ hieß es anfangs, „YoungMum“ heißt es heute, sechs Jahre später. Gleich geblieben ist die Idee: Schwangeren Jugendlichen zu helfen – und zwar auf allen Ebenen.
Der Bedarf ist da. Pro Jahr werden in Österreich 3000 Jugendliche unter 20 schwanger, 700 davon allein in Wien. Und: Die Zahl, so Reim-Hofer, steigt an. „Gerade war ein Mädchen hier, das im fünften Monat schwanger ist“, erzählt sie. Der Gynäkologe habe lapidar erklärt, es könne ja zur Abtreibung nach Holland fahren. „Solchen Mädchen, die sich mutig für ein Kind entscheiden, müssen wir eine Perspektive bieten.“
150 Mädchen werden jährlich von „YoungMum“ betreut. Eine Hebamme begleitet sie während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Aber auch nach der Geburt werden die jungen Mütter nicht alleingelassen. Ein Jahr lang stehen die Betreuer zur Seite, um beim Umgang mit dem Baby zu helfen. Das ist die eine Seite.
Die andere betrifft die Frage: Wie geht es überhaupt weiter? Mit Schule, Ausbildung, Beruf, Wohnung? Für viele Mädchen ungeklärte Fragen, zu denen sich oft auch noch Probleme mit den Eltern oder dem Freund gesellen. Auch dafür stehen bei „YoungMum“ mit einer Sozialarbeiterin, einer Sozialpädagogin und einer Psychotherapeutin Helfer bereit, unbürokratisch und unentgeltlich. Sie begleiten auf Amtswegen, helfen bei der Jobsuche und sind in Krisensituationen da.
Und die Jungväter?
Im Durchschnitt, so Reim-Hofer, sind die Mädchen 16,5 Jahre alt, „wenn sie plötzlich Mama sein sollen. Und niemand denkt dann daran, dass sie noch nie für jemanden gekocht oder einen Vertrag unterschrieben haben.“ Aus der engagierten Hebamme sprudeln nur so die Ideen, wie man den jungen Müttern noch besser helfen könnte. Etwa mit einem Koch- oder einem Erste-Hilfe-Kurs, mit einer Rechts- und Finanzberatung oder auch, wie sie es liebevoll nennt, einem „Mädi-Heimwerkerkurs.“
Denn eins ist Tatsache: Von den jungen Vätern sind gerade 30 Prozent zum Zeitpunkt der Geburt noch an Bord, ein Jahr später ist es nur noch jeder Zehnte. Ein Grund, warum bei sexualpädagogischen Workshops, die „YoungMum“ für Klassen anbietet, Burschen teils getrennt von Mädchen betreut werden. Und ein Grund, warum Reim-Hofer, selbst Mutter von drei Kindern, stets auf neue Sponsoren hofft: Um auch junge Papas beraten zu können.
| Auf einen Blick |
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| Mit ihrem Programm YoungMum betreut die Hebamme Uschi Reim-Hofer jährlich 150 schwangere Jugendliche. Ihr Team begleitet die Geburt und das erste Lebensjahr des Babys, hilft aber auch bei Ausbildung und Jobsuche. |
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2009)
