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Wirtschaft » Ökonomenstimme

Folgen der Finanzkrise: Ethik-Regeln in der VWL?

06.02.2012 | 10:11 | Von Sebastian Thieme (Ökonomenstimme)

Bild: (c) AP (Mark Lennihan)

Immer wieder wurde die Kritik geäußert, dass sich Ökonomen von der Finanzindustrie hätten "kaufen" lassen. Rufe nach Ethik-Regeln werden laut.

Im Zuge der Banken- und Finanzkrise wurde immer wieder die Kritik geäußert, dass sich Wirtschaftswissenschaftler von der Finanzindustrie hätten „kaufen“ lassen (FAZ 2012a, Wall Street Journal 2012). Solche Kritik war selbst aus den eigenen Reihen zu vernehmen. Zum Beispiel schrieb Geoffrey M. Hodgson (2009, S. 1217) in einem Aufsatz zur Finanzkrise u. a.: „Financial economists are less likely to speak out in favour of regulation when they have lucrative consultancy contracts with firms involved with derivatives, hedge funds and questionable financial innovations“.

Letztlich scheint es die Dokumentation „Inside Job“ gewesen zu sein, die mit Beispielen für besonders markante Verfehlungen die American Economic Association (AEA) dazu bewog, sich für einen Ethik-Kodex stark zu machen. Dieser Kodex zielt vor allem auf mehr Transparenz ab, um Dritten gegenüber Klarheit über finanzielle Geldgeber und Interessenkonflikte zu geben. Bei der Veröffentlichung von Artikeln sollen daher zukünftig finanzielle Hilfen oder Stipendien ab 10.000 US-Dollar ausgewiesen werden.

Ethikregeln für deutsche Ökonomen


„Auch deutsche Ökonomen wollen sich Ethikregeln geben“, so titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits am 11.01.2012 (FAZ 2012b). Mit dem Vorsitzenden des Vereins für Socialpolitik Michael Burda sowie dem Wirtschaftsweisen und Präsidenten des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung Christoph Schmidt erhält diese Forderung eine recht prominente Unterstützung. Auf NDR Info kamen am 24.01.2012 weitere Ökonomen zu Wort, die solch einen Ethik-Kodex befürworteten.

Allerdings drängt diese Diskussion auch Fragen auf. Zum Beispiel fällt auf, dass die Forderung, Geldgeber und Interessen anzugeben, möglicherweise nur auf einen ganz bestimmten Teil der Forschung zutrifft: Wer sich heute um Drittmittel bemüht, wird für gewöhnlich auf Wunsch der Drittmittelgeber die Förderung durch diese explizit mit angeben (z. B. in Publikationen, auf Vortrags-Folien usw.). Die Frage ist, ob die anderen Fälle, in denen dies nicht geschieht (oder in denen dies – aus der Sicht der Agierenden – nicht geschehen soll), durch einen Ethik-Kodex wirklich erreicht werden können.

Eine befremdliche Diskussion


Dessen ungeachtet wirkt die Diskussion um die Ethik-Regeln etwas befremdlich, weil im Grunde kein Mangel an solchen Richtlinien besteht. Zum Beispiel hatte die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften bereits 2008 eine Broschüre unter dem Titel „Leitlinien Politikberatung“ herausgegeben (BBAW 2008).

Diese Leitlinien umfassen nicht nur die Forderung nach Transparenz, sondern ebenso das Beachten von Minderheitsmeinungen, die Repräsentation wissenschaftlicher Pluralität sowie die öffentliche Zugänglichkeit der Beratungsergebnisse. Ferner wurde dort an verschiedenen Stellen die „ethische Akzeptabilität der Überlegungen“ betont. George DeMartino, der das Panel zur Ethik-Diskussion in der American Economic Association leitete, wäre davon sicherlich angetan, forderte er doch einen breiter angelegten Ethik-Kodex (Wall Street Journal 2012).

Außerdem muss bedacht sein, dass bewusst intransparent gehaltene Interessenverflechtungen auch „Gefälligkeitsgutachten“ nahelegen, so dass sich ein Ethik-Kodex nicht nur auf die Transparenz der Interessenkonflikte und Geldquellen beschränken kann, sondern die gute wissenschaftliche Praxis insgesamt umfassen sollte.

Regeln zum Aufdecken von Missständen bereits vorhanden


Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterbreitete dazu bereits 1998 Vorschläge (DFG 1998). Diese beinhalteten eine Reihe von Hinweisen und Aufforderungen, wie z. B. wissenschaftliches Fehlverhalten transparent gemacht (aufgedeckt) werden kann und wie damit umzugehen ist.

Für die Debatte dürfte auch der Ethik-Kodex des Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen und der Deutschen Gesellschaft für Soziologie von Interesse sein, der bereits 1992 die Transparenz etwaiger Interessenkonflikte und Geldquellen beinhaltete (BDS 1992). Ferner wird es vor allem Ökonomen vielleicht verwundern, dass schon seit 1983 ein „Eid des Volkswirtschaftlers“ existiert (Binswanger und Reetz 1983). Allerdings muss eingeräumt werden, dass dieser um die heute aufkommenden Transparenzforderungen zu erweitern wäre.

An dieser Stelle ließe sich einwenden, dass alle diese genannten Richtlinien in dem einen oder anderen Detail zu ergänzen oder anzupassen sind. Diese Kritik mag in einzelnen Punkten berechtigt sein. Aber daraus folgt nicht, dass ein spezieller Ethik-Kodex für die Ökonomik notwendig wäre.

Das würde davon ablenken, dass vor allem die kritisierten finanziellen Interessenverstrickungen auch in anderen Zusammenhängen auftreten können, also nicht unbedingt allein im wirtschaftswissenschaftlichen Wirkungskreis eingebunden sind (mensch denke dazu z. B. an den Pharma- oder den Agrar-Bereich). Um was es geht, ist daher nichts weniger, als die Einhaltung guter wissenschaftlicher Praxis (insgesamt). Und diese ist den meisten der existierenden Richtlinien bereits zu entnehmen. Wer also tatsächlich wollte, musste nicht auf einen „neuen“ Ethik-Kodex warten, sondern hätte schon längst von entsprechenden Richtlinien wissen und – vor allem – danach arbeiten können!

Es hapert in der Umsetzung der Regeln


Der wirkliche Knackpunkt scheint deshalb in der Umsetzung solcher Richtlinien zu liegen. Wenn auf einen Verstoß gegen solche Ethik-Regeln keine Konsequenzen folgen, bleiben diese Ethik-Regeln zahnlos. Wer sich nicht um die Transparenz von Geldquellen kümmert, damit ungeschoren davon kommt und weiter in aller Ruhe z. B. öffentliche (Forschungs-) Aufträge akquirieren kann, gibt nicht nur ein fragwürdiges Beispiel wissenschaftlicher Praxis ab, sondern versorgt die in den letzten Jahren schon reichlich ramponierte Glaubwürdigkeit der (Wirtschafts-) Wissenschaft mit weiteren Beulen.

Neue Ethik-Regeln werden dem wenig entgegensetzen. Stattdessen steht zu vermuten, dass strukturelle Veränderungen in der Wissenschaft von Nöten sind, z. B. durch eine Stärkung und Emanzipation des akademischen Mittelbaus, den Ausbau demokratischer und kritisch-wissenschaftlicher Partizipationsmöglichkeiten, der Stärkung einer wissenschaftlich-kritischen Diskurskultur und ggf. durch die sinnvolle (!) Implementierung von Whistle-Blowing-Systemen. Es muss also gute wissenschaftliche Praxis verbindlich und einklagbar gemacht werden! An entsprechenden Änderungen in der Ausbildung der Studierenden von heute wird dann sicher auch kein Weg vorbei führen.


Literatur:

BBAW [Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften] (2008): Leitlinien Politikberatung,  [27.01.2012].

BDS [Berufsverband der Soziologinnen und Soziologen e.V.] (1992): Ethik-Kodex der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) und des Berufsverbandes Deutscher Soziologen (BDS) , [27.01.2012].

Binswanger, Hans Christoph; Reetz, Norbert (1983): Eid des Volkswirtes. In: Lenk, Hans; Maring, Matthias [Hrsg.] (1992): Wirtschaft und Ethik, Stuttgart, S. 401,  [27.01.2012].

DFG [Deutsche Forschungsgemeinschaft] (1998): Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis: Empfehlungen der Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“, Weinheim   [27.01.2012].

FAZ [Frankfurter Allgemeine Zeitung] (2012a): Amerikas Ökonomen geben sich Ethikregeln, vom 10.01.2012,  [27.12.2012].

FAZ (2012b): Auch deutsche Ökonomen wollen sich Ethikregeln geben, vom 11.01.2012, [27.12.2012].

Hodgson, Geoffrey M. (2009): The Great Crash of 2008 and the Reform of Economics. In: Cambridge Journal of Economics, 33(6), November 2009, S. 1205-21,  [27.12.2012].

NDR Info (2012): Ethik-Regeln für Ökonomen, vom 24.01.2012,  [27.01.2012].

The Wall Street Journal (2012): Economists Set Rules on Ethics, vom 9.1.2012,

Kooperation
Dieser Artikel wurde für "Ökonomenstimme", die Internetplattform für Ökonomen im deutschsprachigen Raum, erstellt. Die Presse ist exklusiver Medienpartner der Ökonomenstimme.
Der Autor
Sebastian Thieme studierte Volkswirtschaftslehre, promovierte an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig zum Subsistenzrecht als Moralprinzip und ist Fellow der MeM-Denkfabrik für Wirtschaftsethik.

Seine Forschungsschwerpunkte sind: Wirtschaftsethik, ökonomische Ideengeschichte, politische Philosophie und Menschenfeindlichkeit in der Ökonomik.

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Bild: (c) AP (Mark Lennihan)