Leichenrede zu Lebzeiten
10.02.2012 | 15:12 | (Die Presse)
Die Atmosphäre, die über der Szene lag, hatte etwas ungemein Angespanntes...
Ein Mann hält in einem politischen Gremium vor seinen Amtskollegen eine Rede. Es ist eine Laudatio, und sie gilt seinem Chef, der Anlass ist ein runder Geburtstag. Es ist viel von den Verdiensten des Mannes die Rede, für den Staat, dasLand, seine Partei, und doch nimmt der Angesprochene die Rede mit versteinerter Miene zur Kenntnis.
Noch peinigender ist die Rede allerdings für den Redner selbst, denn er musssie kraft eines Amtes halten, das er nur dreiStunden später verlieren wird. Der Mann, dem seine Huldigung galt, hatte ihn aus dem Amt, das er ihm einstgegeben hatte, verstoßen. Möglicherweise empfand der Gelobte die Laudatio aber auch deswegen als unangenehm, weil sie sich für seine Ohren wie ein verfrühter Nekrolog anhörte – denn auch seine lange Amtszeit sollte nur noch zwei Jahre währen.
Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Als er den noch jungen Nationalökonomen frage, ob er sich eines der höchsten politischen Ämter zutraue, war er überrascht über die Antwort: „Zu meinem Erstaunen hat er, ohne mit derWimper zu zucken, Ja gesagt.“ Der Chef schätzte sein Talent über alle Maßen, gar vom „Kronprinzen“ war bald die Rede. Ein wenig Eifersucht auf die große Popularität des Jüngeren war wohl auch bald im Spiel, die Sonne teilte der Ältere ungern mit anderen.
Bald nahm er auch Anstoß am Lebensstil des Jüngeren, da war diese luxuriöse Villa, deren Finanzierung die Medien und die Gerichte viele Jahre beschäftigen sollte. Hinter dem Persönlichen stand allerdings das Politische, der Junge schien dem Alten bald ein Symptomträger seiner Partei, wo die pragmatischen Macher die Utopisten abzulösen begannen.
Der Jüngere hat den Konflikt natürlichganz anders gesehen: „Er hatte mehrere Gesichter. Einmal war er bezaubernd,einnehmend, genial. Mit zunehmender Krankheit hat er sich total verändert. Er wurde misstrauisch, vergrämt, eifersüchtig.“ Ihr Verhältnis zueinander sei vielleicht eine Vater-Sohn-Beziehung gewesen. „Aber es war nie eine Sohn-Vater-Beziehung.“ ■
Wer traf wen? Welche Ämter bekleideten die beiden?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)