Die Ich-Pleite: Nicht wie die Tiere!
11.06.2009 | 16:43 | von annemarie (Die Presse - Schaufenster)
Ausverkaufsshopping ist dem Menschen angeboren, sagt die Hirnforschung. Es ist ein natürlicher Reflex, den wir von den Urmenschen geerbt haben. Wir sehen einen Vorteil und müssen ihn für uns nutzen! Bei den Urmenschen war das vielleicht ein Wald voller Beeren, bei uns heute ist es ein hinreißendes Kleid im Schaufenster mit einem –50-Prozent-Schildchen. Wir sehen es, und unser Gehirn befiehlt uns: kaufen! Dabei schüttet es Unmengen von Dopamin aus, einem Botenstoff, der uns euphorisch und völlig unempfindlich gegenüber moralischen Bedenken macht.
Die Goldgräber haben sich deshalb für ein Nugget den Schädel eingeschlagen. Genau genommen konnten sie nichts dafür. Sie handelten im Affekt, sagt die Hirnforschung. Aber ich lasse solche Entschuldigungen für mich nicht gelten! Ich glaube an die Freiheit des menschlichen Willens! Schon Sokrates sagte, der Mensch habe die Pflicht, das Gute (sparen!) zu wollen. Seneca meinte, der Mensch unterscheide sich vom Tier durch die Freiheit, sich über die niederen Seelenkräfte, Affekte, Lebensumstände (Ausverkauf!) zu erheben! Und Kant war sowieso überzeugt, dass der Mensch als Vernunftwesen einen Willen besitze, der unabhängig von der Natur existiere. Ich finde es sehr befriedigend, das Sales-Dopamin im Gehirn zu ignorieren und damit das Tier in sich zu überwinden! Viel befriedigender, als das Kleid um minus 50 Prozent zu kaufen! Vor allem, weil die Hose daneben sogar um 70 Prozent herabgesetzt ist.