Gemüse in der Krise
09.04.2009 | 18:39 | von annemarie (Die Presse - Schaufenster)
Nobelpreisträger, Währungsfondschefs und Wirtschaftsgurus zieren sich derzeit ein bisschen, Prognosen über die Wirtschaftskrise zu machen.
Weil sie Angst haben, dass nächste Woche jemand kommt und sie mit dem Unsinn von dieser Woche konfrontiert. Ich hingegen habe gar keine Skrupel, dem Bärlauch einen baldigen Abstieg vorherzusagen. Wie übrigens auch dem Löwenzahn und all den Pilzen, Wurzeln und Beeren, die hungrige Großstadtbewohner nach dem Krieg sammelten, um ihren Speisezettel aufzubessern.
Je länger die Krise dauert, desto mehr wird der Bärlauch an Wert verlieren. Früher, als die Wahrscheinlichkeit, es könnten wieder einmal „schlechte Zeiten“ kommen, so groß war wie die, dass wir im Supermarkt einem Mammut begegnen, haben wir den selbst gepflückten Bärlauch in unseren Haubenlokalen mit Gold aufgewogen. So unwahrscheinlich fanden wir das! Jetzt, da wir das schon ein wenig weniger unwahrscheinlich finden, wollen wir nichts mehr mit dem Bärlauch zu tun haben. Wir nehmen unser Recht wahr, den
Boten zu bestrafen! Der Krisengewinner wird der Chili sein. Er hat alles, was ein Positivesser im Moment braucht: Biss, Schärfe und das Flair eines fernöstlichen Gurus. China, heißt es, könnte uns mit seinem unendlichen Reservoir an konsumhungrigen Arbeitskräften aus der Krise helfen. Mit ein bisschen Chili schmeckt uns dann vielleicht auch der selbst gepflückte Bärlauch wieder.