Totes Meer: Salz auf unserer Haut
15.10.2009 | 18:29 | von Petra Percher (Die Presse - Schaufenster)
400 Meter unter dem Meeresspiegel. Das Tote Meer ist gar nicht so tot, wie man meinen würde. Wellnesshotels hauchen der Region neues Leben ein vor allem auf der jordanischen Seite der großen Salzlacke.
Nennen wir es einfach Beauty-Paradoxon: Da stehen Damen am Ufer des Toten Meeres. Frauen, in deren Hotelzimmer einige Meter entfernt vom Strand mit Sicherheit Kosmetika im Wert von mehreren hundert Euro liegen; die im wirklichen Leben sehr darauf achten, was auf ihre zarte Haut kommt. Und was tun sie? Sie klatschen sich eine schwarze, übel riechende Masse auf Bauch, Bein, Po und ins Gesicht. Schlamm, von dem sie zwar wissen, woher er kommt (Totes Meer), aber keine Ahnung haben, was darin enthalten ist. Hauptsache, alle sagen, er sei gesund. Sicherlich haben sie auch den Hotelangestellten nicht gesehen, der den Schlamm zuvor aus einem großen Industriekübel in das Tongefäß geschaufelt hat. Sonst hätten sie wohl nie in diesen Riesentiegel gegriffen.
Gehen wir es ganz langsam an: Wissen Sie, warum das Tote Meer Totes Meer heißt? Stimmt, weil darin nicht wahnsinnig viel los ist – ein paar Mikroorganismen und viel Salz im See (wieder etwas gelernt – das Tote Meer ist gar kein Meer). Kein einziges Schiff tuckert über das Wasser, es ist verboten. Der Bademeister des Hotels übertreibt maßlos, als er sagt, man soll nicht über die Begrenzung hinausschwimmen, sonst schicke die israelische Grenzpolizei einen Hubschrauber. Und so tümpeln Touristen wie schwerelos im eingezäunten Salzwasser der immer mehr werdenden Luxushotels, die sich seit Jahren auf Gesundheits- und Wellnesstourismus spezialisiert haben. Vorbei die Zeiten, als man auf Krankenkassenkosten billig zur Hautrevitalisierung fahren konnte.
Kleopatras Beautysalon. Die Voraussetzungen für Gesundheitstourismus sind am Toten Meer keine schlechten. Es ist der einzige Ort der Welt, der Folgendes miteinander verbindet: 330 heiße Sonnentage im Jahr, eine als „therapeutisch“ vermarktete UVB-Sonnenstrahlung, ein mineralstoffhaltiges Salzmeer. Dazu kommt das fast ganzjährige Reizklima mit dem höchsten atmosphärischen Druck der Erde, ein hoher Sauerstoffgehalt von acht Prozent und absolute Pollenfreiheit.
Last but not least sind da die heißen Quellen und der mineralstoffhaltige Schlamm, der bei Arthritis, Rheumatismus, Atemwegserkrankungen sowie bei Hautkrankheiten wie Neurodermitis helfen soll. Dass das gesund ist, haben selbst unsere Vorfahren geahnt. Seit mehr als 2000 Jahren gilt das Tote Meer als magischer Ort: Seit damals kommen die Menschen an die große Salzlacke, um Körper und Geist durch die Kraft von Wasser und Luft zu beleben. Die Jordanier behaupten, Kleopatra sei schon ans Tote Meer gereist, um sich noch hübscher zu machen. Überhaupt wird viel behauptet über das Tote Meer. Erstens, dass Menschen mit trockener Haut am Toten Meer durch den hohen Salzgehalt eine perfekte Haut bekommen. „Stimmt nicht“, sagt Mediziner Dieter Haarhaus, einer der renommiertesten Haut-ärzte Deutschlands. Studien weisen nach, dass die Haut durch Salzbäder im Gegenteil zusätzlich austrocknet. Eigentlich logisch, wenn man weiß, dass Wasser immer dahin geht, wo die höchste Salzkonzentration ist. „Dass sich die Haut am Toten Meer bessert, liegt vor allem daran, dass die Salzkristalle im Wasser und auf der Haut die positive antientzündliche UV-Wirkung durch Reflexionen enorm verstärken“, schreibt der Mediziner in seinem Buch „Lexikon der Beauty-Irrtümer“.
Zweitens die Millionenshow-Frage, ob das Tote Meer mit einer Lage von 400 Meter unter dem Meeresspiegel der tiefstgelegene See der Erde ist. Die richtige Antwort lautet: Ja, das stimmt. Falsch ist aber, dass er der salzhaltigste See ist. Das ist der Assalsee im ostafrikanischen Dschibuti. Mit einem Salzgehalt von rund 28 Prozent (stellenweise sogar bis 33 Prozent) übertrifft das Tote Meer alle anderen Meere der Welt aber immer noch locker um das Zehnfache. Nach wissenschaftlichen Schätzungen – Achtung, jetzt wird es für alle Beautyinteressierten spannend – sind über 40 Milliarden Tonnen Mineralien gelöst, darunter Kalzium, Magnesium, Brom, Kalium und Schwefel. Jedes einzelne dieser Mineralsalze verfügt über heilende Kräfte für den Menschen. Gemeinsam haben sie den Nachteil, dass sie ein wenig übel riechen – womit wir wieder bei unserem schwarzen Schlamm gelandet sind.
Drittens: Niemand liest die Tageszeitung im Toten Meer. Kaum zu glauben, was uns die Werbung da vorgaukelt. Vielmehr sind die Menschen damit beschäftig, ihr Gleichgewicht in der Salzlacke zu halten. Manche versuchen sich im Brustschwimmen. Das verhindert der starke Auftrieb. Brustschwimmer sehen im Toten Meer aus wie ein Wal, der gerade standet.
Totes Meer bald wirklich tot? Leider richtig ist die Tatsache, dass das Tote Meer bald wirklich tot sein könnte. Besser gesagt, es verschwindet. Durch die Wasserentnahmen aus dem Jordan zur Versorgung Israels und Jordaniens mit Trinkwasser ist das Tote Meer von der Austrocknung bedroht. Seit 1980 sinkt der Wasserspiegel rund ein Meter pro Jahr, bis zum Jahr 2030 wird der Rückgang auf minus 430 Meter prognostiziert. Allein in den letzten drei Jahrzehnten ist die Oberfläche um rund ein Drittel geschrumpft.
Zur Rettung sieht das „Jordan National Red Sea Water Development Project“ vor, einen 180 Kilometer langen und zehn Milliarden US-Dollar teuren Kanal zum Roten Meer zu graben, um den Wasserspiegel konstant zu halten. Die Idee dahinter: das Wasser des Roten Meeres zu entsalzen, um damit die südliche Region Jordaniens um Aqaba mit Trinkwasser zu versorgen. Die dabei zurückgebliebenen Salzlauge würde anschließend über eine Pipeline ins Tote Meer gepumpt. Bis 2014 könnten so 120 Millionen Liter entsalztes Wasser gewonnen werden. Die Weltbank spielt dabei mit: Erst Ende Juli wurde die Freigabe eines Kredites von 900 Millionen Euro erteilt, um den 180 Kilometer langen Kanal zu ermöglichen.
Dass Jordanien – eines der wasserärmsten Länder der Erde – Interesse daran hat, sorgsam mit den natürlichen Ressourcen umzugehen, lässt sich auch an den sechs Naturreservaten erkennen, in denen unterschiedlich lange und unterschiedlich schwierige Wanderungen gemacht werden können. Freilich muss man nicht unbedingt gleich auf eine Trekkingtour gehen, um die Natur zu genießen. Man kann die organischen Seifen und Cremes auch in der Hauptstadt Amman kaufen. Die Royal Society for the Conservation of Nature (RSCN) fördert auf diese Art Ökotourismus und das Leben der Dorfbewohner. Eine große Auswahl der per Hand gefertigten Kosmetikprodukte (und anderer Souvenirs) findet man im idyllischen Shop Orjan Soap House in der Hauptstadt. Noch größer ist die Auswahl zwischen antioxidativen Granatapfelseifen, Salzpeelings und kühlenden Minzcremes nur im direkt vom RSCN betriebenen Wild Jordan Cafe (Othman bin Afan Street), einem modernen Bau am Hügel des Jabal Amman mit einem fantastischen Blick über die Stadt und erstaunlich gutem „organic food“.
Kühl und cool. Amman ist grundsätzlich einen Abstecher wert. Erstens liegt die Stadt auf ca. 800 Höhenmeter und ist deshalb im Vergleich zur Felsenstadt Petra oder dem Kessel des Toten Meeres angenehm kühl. Zweitens leben dort viele Amerikaner, die zur Modernisierung der von ursprünglich sieben auf mittlerweile 19 Hügel angewachsenen Metropole beigetragen haben. Das hat die üblichen Luxushotels nach Amman gebracht und ihre ebenso globalisierten Bars und Clubs. Netter sind freilich die Plätze, auf denen auch Einheimische essen und feiern. Das Blue Fig (Prince Hashem bin Al-Hussein Street) oder das Books@Cafe (Omar bin al-Khattab) zählen zu den hippsten Hang-outs der Stadt. Speziell diese mit Art-déco-Häusern gespickte Gegend um die Rainbow Street hält genau das, was der Name verspricht: Es ist das Zentrum der jungen Jordanier plus angesiedelter Europäer mit Shops, Cafés und den besten Falafeln weit und breit (beim Straßenladen Falafel al-Quds, leicht zu finden, weil sich davor wie beim McDonald’s-Drive-in eine Autoschlange bildet). Und wer ein bisschen vom Flair mit nach Hause nehmen will, schaut im Design Center des Jordan River Projects (Bani Hamida House, Fawzi al-Malouf) vorbei, wo es handgefertigte Möbel, Spielsachen, Wohnaccessoires und organische Kosmetika gibt.
Besonders spektakulär ist der eigene Thermalwasserfall, der direkt im Hotelpool mündet. Damit ist bewiesen: So tot ist die Region um das Tote Meer gar nicht. Kleine Pflänzchen treiben mitten in der Wüste zart aus, nämlich die von Wellness- und Ökotourismus.
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| Sehenswürdigkeit Petra die rosarote Felsenstadt ist eine der am besten erhaltenen römischen Städte der Welt. Rotes Meer als Taucherparadies, Wadi Rum Sandwüste mit bizarren Felsformationen. Zahlreiche biblische Stätten (Bethanien, Mosesquelle, Berg Nebo, Heiligtum des Lot, Aaron-Berg), heiße Quellen (Hammamet Main), Mosaike (Madaba), Wüstenschlösser (Amra, Araq) und Kreuzritterburgen (Kerak, Shobak). Essen Typisch Arabisch (Levante): Fleischgerichte sind meist aus Lamm und Huhn. Mezzeh ist eine große Auswahl zumeist kalter Vorspeisen, viele davon vegetarisch, z. B. Hoummus (Kichererbsenpüree), Tabuleh (Petersilien-salat) oder Moutabbal (Auberginenmus). Das jordanische Nationalgericht heißt Mansaf und besteht aus Lammfleisch, Joghurtsoße und Reis. Es gibt auch jordanische Weine, z. B. Mount Nebo. Hotels. Evason MaIn Hot Springs & Six Senses Spa, www.sixsenses.com Kempinski Hotel Ishtar, mit dem größten Spa des Nahen Ostens. www.kempinski-deadsea.com |
