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Politik » Zeitgeschichte

Andreas Thom: "Ein Match ist in die Hose gegangen"

14.11.2009 | 17:56 | von Wolfgang Wiederstein (Die Presse)

Im Jänner 1990 wechselte Andreas Thom als erster Spieler der DDR-Oberliga in die Fußballbundesliga. Sein Transfer zu Bayer Leverkusen wurde in Wien eingefädelt. Nach dem legendären 0:3.

Was sagt Ihnen das Datum 15. November 1989?

Andreas Thom: Ein Match ist in die Hose gegangen. Und zwar gründlich. Wir haben es verabsäumt, uns für die WM-Endrunde zu qualifizieren. Das kann natürlich unterschiedliche Gründe haben: War Österreich so gut? Waren wir in diesem einen Entscheidungsspiel so schwach? Hat uns dieser Toni Polster ganz alleine geschlagen? War es die Mauer, die gefallen war? Man kann aus heutiger Sicht keine vernünftige Antwort darauf geben. Aus der Sicht eines Spielers muss man natürlich sagen, dass eine WM-Teilnahme immer etwas Besonderes ist. So etwas bekommt man nicht alle Tage. Das haben wir in Wien verpasst. Rückblickend ist es so, dass ich es auf keine WM-Teilnahme gebracht habe. Auch später nicht.


Viele gaben damals auch dem polnischen Schiedsrichter die Schuld an der Niederlage. Sie auch?

Sich über die Leistung des Schiedsrichters aufzuregen oder sogar auszureden, bringt doch nichts. Ein Remis hätte gereicht, ihr Österreicher wart besser an diesem einen Tag. Wir konnten einen Elfmeter nicht nützen, der Polster hat ihn reingehaut. Was gewesen wäre, wenn, das ist alles hypothetisch. Die Geschichte hat eben diesen Lauf genommen. Und man muss auch zugeben, dass wir nur eine durchwachsene Qualifikation gespielt haben. Es hat eine Phase gegeben, da waren wir eigentlich schon chancenlos. Aber wir konnten uns wieder herankämpfen.

Von einer optimalen Vorbereitung auf dieses Länderspiel konnte aber keine Rede mehr sein, oder?

Im Ablauf an sich hat sich zunächst wenig geändert. Wir haben alles versucht, um uns auf dieses Match zu konzentrieren. Aber man muss schon zugeben, dass die Nebengeräusche zugenommen haben. Mit dem 9. November hat sich eben viel geändert. Der eine oder andere war vielleicht nicht ganz bei der Sache, es hat zu viele Ablenkungen gegeben.

Erstmals durften Fußballanhänger zu einem Auswärtsspiel reisen. Waren auch von Ihnen Angehörige im Wiener Stadion?

Nein, es war damals niemand da. Das ging ja alles so schnell, es war einfach nicht vorgesehen.


Stimmt es, dass nach dem Spiel der Kampf der Spielerberater und Manager um die besten DDR-Spieler begonnen hat?

Vor dem Spiel hat niemand von uns Gespräche in diese Richtung geführt. Nach dem Schlusspfiff aber wurden dann erste Kontakte geknüpft. Davor war das für uns kein Thema, wir wollten uns ganz auf unsere Aufgabe fokussieren.

Aber in Wien wurde Ihr Transfer zu Bayer Leverkusen eingefädelt?

In Wien sind damals sicher etliche Bundesliga-Manager auf der Tribüne gesessen. Und Leverkusen-Manager Reiner Calmund hat eben noch zusätzlich Wolfgang Kanrath, Trainer der damaligen A-Jugend, zu unserem Spiel geschickt.

Wolfgang Kanrath war in Wien offiziell als Fotograf akkreditiert, konnte dadurch in den Innenraum des Stadions gelangen. Ein genialer Schachzug von Calmund?

Wir haben das nach dem Match zunächst alles gar nicht so mitbekommen. Fest steht, dass sich Bayer Leverkusen sehr um mich bemüht hat. Es hat später mehrere Treffen gegeben, der Transfer ist dann auch rasch über die Bühne gegangen. Leverkusen schien mir die ideale Adresse zu sein, Mitte Dezember war alles geregelt. Ab Jänner 1990 war ich im Westen. Dass Reiner Calmund mit Geschenken vor der Türe gestanden ist, diese Geschichte stimmt aber nicht. Da wurden viele Gerüchte in die Welt gesetzt. Es hat auch keine Modelleisenbahn für die Kinder gegeben. Diese Eisenbahn suchen wir heute noch.

Wie groß war die Umstellung auf die deutsche Bundesliga?

Ich hatte eigentlich nie große Anlaufschwierigkeiten, die Veränderungen waren gar nicht so groß. Aber ich stand natürlich unter spezieller Beobachtung von allen. Ich habe mich jedoch schnell eingelebt, die Mannschaftskollegen und die Vereinsführung haben mir das auch leicht gemacht. Ich brauche offenbar nur wenig Anpassungszeit. Ein halbes Jahr später ist dann Ulf Kirsten gekommen. Wir hatten eine super Mischung bei Leverkusen.

Sie waren später als Nachfolger von Huub Stevens Trainer bei Hertha BSC, heute sind Sie Co-Trainer von Holstein Kiel. Wann gibt es wieder einen Cheftrainer Thom?

Gute Frage. Wir sind hier glücklich, spielen in der dritten Liga, haben den Aufstieg geschafft.

Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Mannschaftskollegen aus DDR-Zeiten?

Der DFB hat vor einiger Zeit den ,Klub der Nationalspieler‘ gegründet. Da gibt es einmal pro Jahr ein großes Treffen, im Vorjahr war das in Dortmund. Man hat natürlich auch telefonisch mit vielen Kontakt, läuft sich immer wieder über den Weg.

Waren Sie nach 1989 noch einmal in Wien?

Leider nicht. Zweimal habe ich zuvor im Europacup gegen die Wiener Austria gespielt, von der schönen Stadt aber habe ich leider nichts gesehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2009)

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