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Politik » Zeitgeschichte

Mauerfall: "Einen Superlativ riskieren"

08.11.2009 | 18:53 | Von unserer Korrespondentin EVA MALE (Die Presse)

Bild: (c) AP (JOCKEL FINCK)

Ein Tag wie ein Thriller: Am Morgen des 9. November 1989 ahnte keiner, dass noch am selben Tag die Mauer fallen würde. Medien und Bevölkerung wirkten als Motor der Ereignisse. Eine Chronologie.

Morgengrauen in Berlin

Berlin erwacht. Es ist ein Donnerstag, typisches Novemberwetter. Wer die deutsche Hauptstadt – damals Hauptstadt der DDR – um diese Jahreszeit kennt, weiß, was das bedeutet. Düstere Stimmung, nur selten blinzelt ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke. Die Tage sind derzeit sehr kurz. Dass der 9. November nicht enden wollen wird, ahnt um diese Zeit noch niemand. Zwar wird nach den Montagsdemonstrationen in Leipzig und der großen Kundgebung in Ostberlin am 4. November allgemein erwartet, dass es mit der DDR in absehbarer Zeit zu Ende gehen würde. Aber so schnell? Für die Öffentlichkeit wird es erst am späten Nachmittag spannend werden. Bis dahin wird hinter den politischen Kulissen hektisch am neuen Reisegesetz gebastelt, dessen spontane, nicht ganz korrekte Auslegung durch die Medien und die Bevölkerung zum Mauerfall führt.

9 Uhr

Vier Offiziere des Ministeriums des Inneren und der Staatssicherheit kommen im Innenministerium in der Mauerstraße zusammen, um dem Auftrag des Politbüros gemäß eine neue Ausreiseregelung zu verfassen, ein erster Entwurf ist bereits vorgestellt worden. Zukünftig sollen alle Einschränkungen bei Anträgen auf eine ständige Ausreise aus der DDR wegfallen. Wochenlang ist zuvor über ein Ausreisegesetz diskutiert worden, mit dem die zusammengeballte Unzufriedenheit im Land entschärft werden sollte. Die heftigen Demonstrationen in der DDR und der Druck aus dem Westen setzten das Regime unter Zugzwang. Durch die Lockerung in jenem Bereich, der die DDR-Bürger besonders auf die Palme brachte, sollte die angespannte Situation beruhigt werden.

10 Uhr

Beginn des zweiten Beratungstages des SED-Zentralkomitees. Da die DDR erhalten bleiben soll, will man nicht alle Reisewilligen in den Status von Ausreisenden zwingen, sondern ihnen vielmehr auch das Recht auf unbürokratische Privatreisen, also Besuchsreisen, einräumen. (Aus-)Reisen sollen nach wie vor beantragt werden müssen. Als Reaktion der Bevölkerung rechnet die Staatssicherheit mit einem Ansturm – aber nicht auf die Grenze, sondern auf die Genehmigungsbehörden: die Volkspolizeikreisämter. Doch die Geister, die sie an diesem Tag ruft, wird die DDR-Führung nicht mehr los.

12 Uhr

Mitglieder des Politbüros bestätigen in einer Rauchpause des ZK, wie sie seit langem zwischen 12 und 12.30 Uhr üblich ist, den von den Offizieren erarbeiteten Reiseregelungsentwurf. Er wird an den Ministerrat weitergeleitet.

14.30 Uhr

In der regulären Pause des ZK trifft SED-Generalsekretär Egon Krenz den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau. Bundeskanzler Helmut Kohl reist zu einem mehrtägigen Staatsbesuch nach Polen.

15 Uhr

Im Innenministerium und bei der Staatssicherheit wird an den Durchführungsbestimmungen zur Reiseverordnung gefeilt.

16 Uhr

Egon Krenz verliest im SED-Zentralkomitee den Reiseregelungsentwurf, der ihm nun als Beschlussvorlage des Ministerrats vorliegt. Er berichtet vom Druck der CSSR und gibt auf Nachfrage an, dass das Vorhaben mit der sowjetischen Regierung abgestimmt sei.

17.30 Uhr

Krenz händigt die Ministerratsbeschlussvorlage und eine dazugehörige Pressemitteilung Günter Schabowski aus, der in diesen Tagen als Sprecher des SED-Zentralkomitees fungiert. Die ZK-Tagung ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen; Schabowski, der während der Beratungen „abwechselnd drin und draußen war, weil ich viel mit den Journalisten zu regeln hatte“ – und daher auch während der Verlesung des Textes nicht zugegen –, erkundigt sich nach mitteilenswerten Neuigkeiten, weshalb ihm Krenz sein Exemplar der Beschlussvorlage gibt.

18.53 Uhr

Schabowski gibt auf einer legendären Pressekonferenz in der Mohrenstraße die neue Reiseregelung bekannt. Der italienische DDR-Korrespondent Riccardo Ehrman stellte die entscheidende Frage: „Glauben Sie nicht, dass dieser Reisegesetzentwurf, den Sie vor wenigen Tagen vorgestellt haben, ein großer Fehler war?“ Schabowski erwidert sichtlich nervös: „Nein, das glaube ich nicht.“ Und las dann vor: „Wir haben uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergange der DDR auszureisen.“ Auf Ehrmans Nachfrage, ab wann dies gelte, sagt Schabowski stotternd: „Nach meiner Kenntnis sofort, unverzüglich.“

Die Nachricht, die den Medienvertretern nicht schriftlich vorliegt, muss erst langsam einsickern. Unter den Journalisten herrscht zunächst Rätselraten, wie Schabowskis Aussage zu interpretieren sei. Heftig wird in der Mokkabar diskutiert. Soll aus dem Entwurf nur der Passus in Kraft treten, der die ständige Ausreise regelt, mit dem erklärten Ziel, das Problem der illegalen Ausreise über die CSSR zu lösen? Macht es die neue Regelung jedem Bürger möglich, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen? Die Verwirrung ist groß. Schnell werden die Medien zum Motor der Geschichte.

19.03 Uhr

Die ersten Meldungen der Nachrichtenagenturen laufen über den Ticker. Nach Reuters (19.03 Uhr) und dpa (19.04 Uhr, die noch eher vage bleiben) interpretiert als Erste die Associated Press (AP) um 19.05 Uhr die neue Regelung explizit als „Grenzöffnung“ – nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig: „Die DDR öffnet nach Angaben von SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski ihre Grenzen. Dies sei eine Übergangslösung bis zum Erlass des Reisegesetzes.“ Den Journalisten mangelt es an präzisen Informationen, der Interpretationsspielraum ist groß.

Kurz nach 19 Uhr gibt der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst (ADN), die Monopolnachrichtenagentur der DDR mit Sitz in Ostberlin, die offizielle Pressemitteilung an seine Kunden und Westabnehmer weiter, obwohl eigentlich eine Sperrfrist bis zum nächsten Morgen vorgesehen war.

19.17 Uhr

Sowohl die „Heute“-Sendung des ZDF als auch die „Aktuelle Kamera“ des DDR-Fernsehens bleiben nahe an der ADN-Meldung und verweisen lediglich auf die Möglichkeit der Ausreise. Im ZDF rangierte die Meldung sogar erst an sechster Stelle. Es wird hervorgehoben, dass „Privatreisen ins Ausland ab sofort und ohne Anlässe beantragt werden können“.

19.33 Uhr

Der Westberliner Bürgermeister Walter Momper, der über die geplante Regelung grundsätzlich Bescheid weiß, meint in der SFB- „Abendschau“: „Praktisch morgen geht es los.“ Dann meldet die AP um 19.41 Uhr überraschend: „Die sensationelle Meldung: Die DDR-Grenze zur Bundesrepublik und nach West-Berlin ist offen.“ Die westdeutsche Nachrichtenagentur dpa zieht nur 13 Minuten später, um 19.54 Uhr, mit einer offensichtlichen Übersetzung ins Deutsche nach: „Sensation: DDR öffnet Grenzen zur Bundesrepublik und Westberlin.“

20 Uhr

Danach platziert die „Tagesschau“ der BRD die neue Reiseregelung als Topthema und blendet dazu die Schlagzeile „DDR öffnet Grenze“ ein. Inzwischen hat sich die Nachricht auch unter der Bevölkerung verbreitet. Am Ende der Sendung haben sich 80 Ostberliner an drei Grenzübergängen eingefunden. Bereits jetzt ist eine Konzentration auf den Grenzübergang Bornholmer Straße, im dichtbesiedelten Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg, zu beobachten. Noch lautet die Anweisung an die Grenzwächter: die Menschen auf den nächsten Tag zu vertrösten und zurückzuschicken. Aber die von den Medien verbreitete Fiktion ergreift die Massen – und wird zur Realität.

20.16 Uhr

Der US-amerikanische Rundfunksender in Berlin Rias meldet: „Die DDR hat ihre Grenzen zur Bundesrepublik mit sofortiger Wirkung für Westreisen und Übersiedlungen geöffnet.“

20.47 Uhr

Ende des zweiten Tages der Sitzung des SED-Zentralkomitees. Bis dahin hat die Partei- und Staatsspitze die Vorgänge um sie herum nicht zur Kenntnis genommen: nicht die Pressekonferenz, nicht ihre Resonanz in den Medien und auch nicht den einsetzenden Ansturm auf die Grenzübergänge. In der Halbzeit eines im Westfernsehen übertragenen Fußballspiels, VfB Stuttgart gegen FC Bayern München (Endstand ist dann 3:0), wird ein ARD-Brennpunkt über die angebliche Grenzöffnung geschaltet. Zeitgleich unterbricht der Deutsche Bundestag eine Abendsitzung und intoniert das Deutschlandlied. Inzwischen haben sich hunderte Menschen am Grenzübergang versammelt.

21.20 Uhr

Um 21.20 Uhr dürfen die ersten DDR-Bürger mit Stempel auf dem Ausweisfoto an zwei Grenzübergangstellen kontrolliert die Grenze passieren.

21.30 Uhr

Ende des Staatsbanketts in Warschau. Bundeskanzler Helmut Kohl erfährt von der Ereignissen in Ostberlin.

21.34 Uhr

In Washington halten US-Präsident George Bush und Außenminister James Baker eine Pressekonferenz ab. Über Agenturmeldungen haben sie von den Ereignissen in Berlin gehört und erklären, die innerdeutsche Grenze sei geöffnet.

22.42 Uhr

Mit Verspätung beginnen die ARD-Tagesthemen der BRD. Der Moderator Hanns Joachim Friedrichs eröffnet mit folgenden Worten: „Guten Abend, meine Damen und Herren. Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab, aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag: Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore in der Mauer stehen weit offen.“

Nach den Tagesthemen setzt ein Massenansturm auf die Grenzübergänge ein.

23.28 Uhr

In der Bornholmer Straße wird die Lage gegen 23 Uhr für die Kontrolleure bedrohlich. Tausende Menschen drücken auf den Grenzübergang. Die Ventillösung hat sich als unklug erwiesen. Als einige ausreisen dürfen, verstärkt sich das Gedränge derjenigen, die noch warten müssen. Oberstleutnant Harald Jäger beschließt, alles aufzumachen und die Kontrollen einzustellen. Tausende von Menschen überrennen die Kontrolleinrichtungen, laufen über die Brücke und werden auf der Westberliner Seite begeistert begrüßt. Meldung von der Bornholmer Straße gegen 23.28 Uhr: „Wir fluten jetzt.“

Von Mitternacht bis zum Morgen

Der Ansturm wird immer größer. Zwischen ein Uhr und zwei Uhr überwinden Tausende von West- und Ost-Berlinern die Mauer am Brandenburger Tor und spazieren über den Pariser Platz und durch das Tor. Auf der Mauer tanzen die Menschen vor Freude. Der Betonwall bleibt von einigen tausend Menschen besetzt. Über den ganzen Platz hallt das Klopfen der Mauerspechte. Sie bearbeiten die Mauer auf der Westseite mit Hämmern und Meißeln. Von den Übergängen strömen die Menschen zum Kurfürstendamm, der bis zum frühen Morgen in eine Partymeile verwandelt wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2009)

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