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Politik » Zeitgeschichte

„Europas glücklichstes Jahr“

06.11.2009 | 18:12 | (Die Presse)

Bild: (c) AP (Matthias Rietschel)

Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher zur Rolle der KSZE bei der Wende.

Wien (b.b.) Auch wenn man es der in Wien angesiedelten behäbigen 56-Staaten-Organisation OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) gar nicht zutrauen würde: Ihre Vorgängerorganisation, die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, hat einen wichtigenBeitrag zu den friedlichen Revolutionen von 1989 geleistet. Im Redoutensaal der Wiener Hofburg wurde am Freitag diese historische Rolle der KSZE beim Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer vor 20 Jahren gewürdigt.

Hans-Dietrich Genscher, Bonner Langzeitaußenminister und ein Multilateralist bis in die Haarspitzen, nannte dabei die KSZE-Schlussakte von Helsinki als wichtige Grundlage für den politischen Prozess, der schließlich zum Umbruch von 1989 führte. Auf dieses Dokument, das die kommunistischen Regierungen 1975 mitunterschrieben, und in dem auch Menschen- und Bürgerrechte festgeschrieben waren, konnten sich die in den 1970er- und 1980er-Jahren immer stärker werdenden Dissidentenbewegungen im Ostblock berufen.

Nicht zuletzt auch dank des Kampfes dieser Bürgerrechtler sei „das Jahr 1989 zum glücklichsten Jahr der europäischen Geschichte“ geworden, erklärte Genscher. Der von der KSZE mit vorangetriebene Einigungs- und Gestaltungsprozess in Europa sei seit dem Fall der Mauer aber noch keineswegs an einem Ende angelangt. Vielmehr sei die europäische Botschaft von 1989 an die Welt weiterhin relevant: „Es ist möglich, aus der Geschichte zu lernen, genauso, wie es möglich ist, gemeinsame Interessen zu identifizieren.“

Diese Botschaft sei umso wichtiger, als in der Welt gerade eine neue Ordnung im Entstehen sei. „Mehr Kooperation ist dabei die einzige zukunftsträchtige Option. Die Option für das Chaos hingegen endet immer damit, dass sich am Ende das Recht des Stärkeren durchsetzt.“ Genschers Rede wurde mit stehendem Applaus quittiert.

Außenminister Michael Spindelegger ging in seiner Rede auf die weitverbreitete Skepsis ein, die heute gerade in Österreich gegenüber Europa anzutreffen sei. Ein Gegenrezept, das ihm dazu einfällt: „Erinnern an 1989, an den großen Enthusiasmus der damaligen Zeit und den jungen Menschen nahebringen, was für eine existenzielle Bedeutung ein friedliches Europa für uns alle hat.“

Der stellvertretende griechische Außenminister und Vertreter der diesjährigen OSZE-Ratspräsidentschaft, Dimitris Droutsas, erzählte, dass er den Fall der Berliner Mauer am 9.November1989 in einer Wiener Studentenkneipe miterlebt habe. „Doch es gibt noch immer Mauern, die Städte, Länder und Gesellschaften trennen – auch in Europa.“ Auch diese Mauern gehörten geschleift.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2009)

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Bild: (c) AP (Matthias Rietschel)