DiePresse.com Ressorts ausblenden Ressorts anzeigen Galerien Videos
  • Politik
    • Innenpolitik
    • Außenpolitik
    • Europa
    • Zeitgeschichte
  • Wirtschaft
    • Österreich
    • International
    • Finanzen
    • Bilanzen
  • Panorama
    • Wien
    • Österreich
    • Welt
  • Kultur
    • Bühne
    • Kunst
    • Medien
    • Film
    • Klassik
    • Pop & Co
    • Literatur
  • Tech
    • Hightech
    • Internet
    • Handy
  • Sport
    • Motorsport
    • Mehr Sport
    • Fußball
  • Leben
    • Menschen
    • Lebensstil
    • Essen & Trinken
    • Reise
    • Kreativ
    • Motor
    • Wohnen
  • Bildung
    • Familie
    • Schule
    • Hochschule
    • Weiterbildung
  • Wissenschaft
  • Gesundheit
  • Recht
    • Recht Allgemein
    • Wirtschaft & Steuern
Politik » Zeitgeschichte

„Ich sage Zellstofftaschentuch, bei ihm heißt es Tempo“

06.11.2009 | 18:11 | (Die Presse)

Bild: (c) AP (Markus Schreiber)

Ostfrau, Westmann: Die Geschichte ist ständig ein Thema, ernst oder lustig.

Berlin (e.m.). „Wenn's um die DDR geht, geraten wir oft aneinander. Ich frage mich dann: Woher will er das denn wissen? Da werde ich grantig.“ Heike (40) ist in Ostberlin aufgewachsen, Boris (39) in Westberlin. Ihn stört es, wenn er Fragen über den Osten hat, diese jedoch nicht beantwortet werden: „Sehr oft ist man in der Situation, dass die Wessis den Osten erklären und die Ossis schweigen.“ Nur mit Heike sei das anders: „Sie ist mein Korrektiv. Ohne sie würde ich mir gewisse Urteile über die DDR nicht zutrauen.“ Das starke Bedürfnis, über die unterschiedlichen Systeme zu sprechen, aus denen man komme, „zeigt sich besonders bei der Stasi“, sagt Heike, „oder soll ich Boris etwa erklären, wie ein Trabi fährt?“

Seit etwas mehr als zwölf Jahren sind die beiden Fernsehjournalisten ein Paar, haben drei Kinder: Janos (10), Jurek (5) und Jonathan, zehn Monate. „Wir sind eine ganz normale Familie“, sagen Heike und Boris, und wie zur Bestätigung hopsen die beiden älteren Buben in Pyjamas durch die gemütliche Wohnung im ehemaligen Osten Berlins, zwei Katzen streifen umher, schnell wird – fürs Foto – noch ein Schnuller weggeräumt. Ganz normal, aber durch die Herkunft aus Ost und West doch besonders: „Die Geschichte ist bei uns ständig Thema“, gibt Heike zu, „da nehmen wir uns hopps, da kriegen wir uns in die Rolle“. Sogar sprachlich gibt es kleine Unterschiede: „Ich bestehe darauf, Plaste zu sagen“, so Heike, „Boris sagt Plastik. Ich spreche heute noch von einem Zellstofftaschentuch, bei ihm heißt es Tempo“. – „Nee, Taschentuch“, wirft Boris ein.

Die Frage ist nicht eindeutig zu klären. „Aber es gibt auch Unterschiede abseits der Spaßebene“, meint der Ehemann selbstkritisch: „Ich glaube, dass ich mehr quatsche. Weil man als Wessi dazu neigt, seine Meinung kundzutun, ohne die Fakten zu kennen.“

Verschwundene Lebenswelt

Heike will das nicht gelten lassen, höchstens in Bezug auf die DDR. Die Westler hätten nach der Wende keine Notwendigkeit gesehen, sich mit der Geschichte des Ostens zu beschäftigen. Für sie als Studentin sei es umgekehrt selbstverständlich gewesen, sich mit der Geschichte der BRD auszukennen: „Sonst wäre ich auf die Fresse gefallen.“

Heike ist keineswegs ostalgisch, aber das Ungleichgewicht lässt sich nicht leugnen. Ihr Herkunftsland existiert nicht mehr, die Lebensbedingungen ihrer Kindheit verblassen: „Zu meinem 40er habe ich Fotos rausgesucht, Schwarz-Weiß-Wackelbilder wie aus dem Zweiten Weltkrieg. Heike in FDJ-Bluse – die haben sich schiefgelacht.“ Manchmal kauft sie bewusst Ostprodukte, „die ich meiner Familie unterjuble“, kürzlich etwa Nudossi statt Nutella – „und Boris sagt: Was ist das denn für ein Krempel?“ Aber der Familienmutter ist es wichtig zu zeigen: „So bin ich aufgewachsen. Wir hatten einen Baukasten, nicht 500 Teile Playmobil.“ Nicht zuletzt, wenn man sich ansehe, wie die Kinder heute in Spielzeug ersticken.

Auch die bunten DDR-Eierbecher in Hühnerform, die mittlerweile Kultstatus haben, lässt sich Heike nicht nehmen: „Boris war der Überzeugung, die kommen aus dem Westen, bloß weil seine Großmutter sie ihm geschenkt hat. Da war ich schon sauer.“ Boris prüfte gar mit der Lupe nach: „Es stand Plastik drauf.“ Nicht Plaste.

Sein Vater war 1958 „rübergekommen“. Häufig fuhr die Familie in den Osten, jedes Jahr am 17.Juni sowieso. Wie mühsam die Visabeschaffung war, wie demütigend die Behandlung, erinnert sich Boris und blickt vorsichtig zu seiner Frau. „Heike wird gleich höhnen: ihr armen Wessis.“

Kürzlich war das Paar anlässlich 20 Jahren Wende mit den an der Geschichte ihrer Eltern sehr interessierten Söhnen im DDR-Museum. Die fanden das lustig. Heike weniger: „Das ist es dann, was bleibt. Man zieht an einer Schublade, und die Fähnchen wackeln.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2009)

Seitenanfang | Impressum | Feedback

Zur Vollversion wechseln

  © 2012 DiePresse.com


Bild: (c) AP (Markus Schreiber)