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Politik » Zeitgeschichte

Osten holt schneller auf als erwartet

06.11.2009 | 18:11 | Von unserer Korrespondentin EVA MALE (Die Presse)

Bild: (c) AP (John Gaps)

Die Kluft wird kleiner. Vor allem die Industrie entwickelt sich positiv.

Berlin. 20 Jahre nach dem Mauerfall ist die Bilanz der Wirtschaftsentwicklung in der ehemaligen DDR gemischt: Das Wohlstandsniveau in den östlichen Bundesländern hat sich zwar deutlich erhöht, dennoch hinkt der Osten immer noch nach.

Das verfügbare Einkommen ist im Schnitt von knapp 60 Prozent des Westniveaus im Jahr 1991 auf 78,6 Prozent gestiegen. Auch die Wohnsituation der Menschen in Ostdeutschland steigerte sich deutlich, sie sind besser mit Möbeln, Haushaltsgeräten, Unterhaltungselektronik und anderen langlebigen Gebrauchsgütern ausgestattet. Die vielfach gut ausgebaute Infrastruktur sowie die Fortschritte im Umweltschutz sind weitere offensichtliche Erfolge der Wiedervereinigung.

Auf stabilem Pfad

„Der Aufbau Ost ist gut vorangekommen“, sagt Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), „die ostdeutsche Wirtschaft musste nach der Wende massive Anpassungen vornehmen, ist aber in den vergangenen Jahren auf einen stabilen Pfad gekommen“.

Kaum einer hätte erwartet, dass in Mitteleuropa eine derartige Re-Industrialisierung möglich sei. Es gebe heute Betriebe und Standorte, die es bei wesentlichen Technologien wie der Solarenergie zu Weltmarktführern geschafft hätten. Zugleich mangelt es an großen Unternehmenszentralen. „In Ostdeutschland fehlen die hohen Einkommen der Headquarters.“ Was die Einkommensunterschiede zwischen Ost und West angeht, zeigt sich der IWH-Präsident optimistischer als beispielsweise das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, das eine völlige Angleichung der Lebensverhältnisse für unwahrscheinlich hält. Blum rechnet indes damit, dass dieses Ziel in zehn Jahren erreicht sein könnte, er sieht aber einen anderen Grund zur Sorge: zunehmende Nord-Süd-Probleme.

Auch laut eines Gutachtens des Instituts für deutsche Wirtschaft (IW) in Köln geht es im Osten schneller aufwärts als erwartet: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wird bereits in diesem Jahr 70Prozent des westdeutschen Wertes erreichen. Die massive Förderung der ostdeutschen Länder nach dem Mauerfall hat das dortige Wirtschaftswachstum nach Einschätzung der Experten enorm beschleunigt. Die höhere Geschwindigkeit des Aufholprozesses könnte dann das Aus für den Solidarpakt bedeuten.

Doppelt so hohe Arbeitslosigkeit

Es gibt aber auch noch viele Defizite: So ist die Arbeitslosigkeit mit durchschnittlich 13,1 Prozent etwa doppelt so hoch wie im Westen. Die Firmen sind kleiner, kaum exportorientiert und betreiben vergleichsweise wenig Forschung und Entwicklung. Rund ein Fünftel der Binnennachfrage im Osten wird durch Zahlungen des Bundes, der westlichen Länder und der Sozialversicherungen finanziert. Insofern ist die wirtschaftliche Entwicklung bisher nicht selbsttragend.

Laut einer Studie blicken die Ostdeutschen immer noch deutlich pessimistischer in die Zukunft als die Bürger im Westen. Allerdings zeigt sich eine Aufhellung der Stimmung: In den alten Ländern sind 55 Prozent der Menschen zuversichtlich hinsichtlich ihrer persönlichen Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten, im Osten nur 42 Prozent. Insgesamt seien die Werte trotz Finanz- und Wirtschaftskrise seit Herbst 2008 stabil geblieben, im Osten weist der Trend sogar nach oben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2009)

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Bild: (c) AP (John Gaps)