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Politik » Innenpolitik

Der verflixte siebente Soldat

14.03.2009 | 18:41 | von THOMAS PRIOR (Die Presse)

Bild: (c) APA (Roland Schlager)

Die aktuellen Statistiken versetzen das österreichische Bundesheer in Alarm-Bereitschaft: Jeder siebente Stellungs-Pflichtige ist untauglich – und die Zahl der Zivildiener stieg innerhalb der letzten fünf Jahre um 33 Prozent.

Der junge Mann bringt wahrscheinlich das Siebenfache seines Alters auf die Waage: geschätzte 130 Kilogramm, es könnten auch zehn weniger sein – aber auch um zehn oder 20 mehr. Demütig sitzt er im Büro des stellvertretenden Kommandanten der Stellungskommission, der Oberkörper ist nach vorne geneigt, der Blick auf den Boden gerichtet. Es sind die Minuten der Wahrheit für den 18-Jährigen: Tauglich oder nicht – das ist hier die Frage.

Major Gerhard Zeilinger greift zur Urkunde und sagt: „Sie haben Bluthochdruck und sind stark übergewichtig, deshalb sind sie untauglich.“ Und der junge Mann sagt: „Danke, ich werde die Urkunde einrahmen. Mein Vater war eh schon lange genug beim Bundesheer, da brauche ich nicht mehr.“

Es ist Montag, der 9. März, ein Tag wie jeder andere in der Kaserne am Elderschplatz im zweiten Bezirk, sie liegt nur einen kurzen Marsch vom Prater entfernt. 65 potenzielle Rekruten aus Wien und Teilen des Burgenlandes treffen hier täglich zur Musterung ein. Es ist ein All-inclusive-Test, die Militärs nennen ihn neuerdings Super-Screening: Herz, Augen, Ohren, Harn, Psyche. Eineinhalb Tage dauert das Prozedere.

Ständig vor dem Computer. David, Jahrgang 1991, steht erst am Start, er steht in der Schlange vor dem Sehtestzimmer. Kurzes Haar trägt er und am Körper die Stellungsuniform: kurze grüne Sporthose, T-Shirt und Socken in Badeschlapfen. Wenn er nicht gerade gemustert wird, dann ist David Schüler im Lycée in Wien. Er freue sich schon auf den Präsenzdienst, sagt er, denn die Schule sei sehr anstrengend. Sanitäter, das würde der 17-Jährige gerne werden – wenn ihn das Heer auch brauchen kann. Denn sein Problem ist: „Ich sehe ziemlich schlecht.“

Im Zimmer nebenan, auf dem alten Kasernenfußboden, steht eine ebenso alte Holzkammer, saunaartig, nur kleiner. Es passt genau ein Sessel hinein, und an der Wand hängen Kopfhörer, durch die im Normalfall verschiedene Töne zu hören sind. Sie werden von Oberstabswachtmeister Leopold Strasser-Kirchweger eingespielt, einem diplomierten Krankenpfleger, der seit 1992 schon bei der Stellungskommission ist. Er steht im weißen Kittel an den Reglern vor der Kammer und erzählt von Jungmännern, die immer schlechter hören; von drei, vier Auffälligen im Hochtonbereich – und zwar pro Tag.


Generation Fastfood. Denn die „Generation Fastfood“ ist auch eine „Generation ipod“ und eine „Generation Computerbildschirm“. Es ist ein Spiegel der Gesellschaft, in den die Stellungskommissare tagein, tagaus blicken. Sie sehen Über- und Untergewichtige, Hörschäden, Augenleiden, Lungenschäden, Herzrhythmusstörungen oder einen Mix aus mehreren Krankheitsbildern. Die Zahl jener, die unbrauchbar sind für den Dienst mit der Waffe, steigt: 2007 fielen 13,1 Prozent bei der Musterung durch, ein Jahr später schon 14,6 Prozent – oder auch: jeder Siebente.

Die These, wonach immer mehr Stellungspflichtige auch wegen psychischer Probleme abgelehnt werden, verneint der stellvertretende Abteilungsleiter des heerespsychologischen Dienstes, Christoph Brugger: „Es ist zwar ein leichter Anstieg zu beobachten, aber nur, weil wir unsere Kriterien verändert haben. Es gibt jedenfalls keinen Grund für uns, Alarm zu schlagen.“

Psychische Erkrankungen wie Depressionen, weswegen 2008 nur 0,5 Prozent aller Gemusterten abgelehnt wurden, würden oft mit anderen psychischen Gründen vermischt, erklärt Brugger. Beispielsweise mit sogenannten „Einschränkungen im Bereich der Leistung“, die gemeinhin auch als Mangel an Intelligenz umschrieben werden könnten. 1,3 Prozent scheiterten im vergangenen Jahr an der Mindest-IQ-Grenze von etwa 70 – in der Schweiz zum Beispiel, und auch für österreichisches Kaderpersonal, liegt die Latte wesentlich höher.

Keine Alkoholexzesse mehr. Vieles hat sich verändert in den letzten Jahren, nicht nur die körperliche Beschaffenheit der angehenden Rekruten, sondern auch ihr Charakter. Niemand weiß das besser als Vizeleutnant Anton Riegler, ein Mann in Schreiberuniform und mit rauer Stimme. Er dient seit 29 Jahren am Elderschplatz, seit drei Jahren ist er dienstführender Unteroffizier– vulgo: Spieß.

In Rieglers Anfängen, vor ungefähr 25 Jahren, sorgte ein Rudel jedenfalls nicht nüchterner Burgenländer dafür, dass eines Abends dreimal die Polizei gerufen werden musste. Weil die Stühle quer durch die Schlafzimmer flogen und einigermaßen wahllos aufeinander eingedroschen wurde. So etwas komme heutzutage nicht mehr vor, wenigstens diesbezüglich habe sich vieles zum Besseren gewendet, sagt Riegler: „Die Burschen sind braver geworden.“

Der Spieß erinnert sich auch an die „Totalverweigerer“ der 90er-Jahre, die vor der Kaserne Protestaufmärsche veranstalteten. Im Jahr 2009 müssen nur mehr jene zwangsvorgeführt werden, die schlichtweg auf ihren Stellungstermin vergessen hätten. Riegler führt das auf die „Scheiß-mir-nix-Gesellschaft von heute“ zurück: „Der Egoismus hat zugenommen. Früher gab es ein Miteinander, jetzt zählt nur mehr das ,Ich‘.“

Matthias, Gymnasiast in Wien, lange Haare und so ziemlich das Gegenteil von übergewichtig, ist beim Lungentest an der Reihe. Die Sanitätsgehilfen reichen ihm eine Messgerät, in das der 17-Jährige mehr faucht als bläst. Er würde auch an einem Luftballon kläglich scheitern. Doch ihm ist das relativ egal, das Heer ist ihm egal, er will sowieso zum Zivildienst, dort braucht es weniger Kondition, und seine Brüder seien auch dort gewesen.

Die Ausnahme von der Regel? Wohl eher nicht oder nicht mehr. Denn in Wien ist die Zahl jener, die sich für den Zivildienst und gegen das Heer entscheiden, seit 2003 um 25 Prozent gestiegen. Bundesweit sind es sogar 33 Prozent: 9596 Zivildiener notierte das Innenministerium vor sechs Jahren, 2008 waren es bereits 12.810 – bei rund 30.000 Präsenzdienern in den Kasernen.


Der Exodus aus den Kasernen. Über mögliche Ursachen wird hinter den Kasernenmauern eifrig spekuliert. Ein Erklärungsversuch lautet: Es gibt keine Gewissenskommission mehr, der sich die Waffendienstverweigerer stellen müssen. Ein anderer sind die Migrantenkinder, vorwiegend türkischer Abstammung: „Sie fürchten, dass sie beim Heer aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen werden“, vermutet die Stellungspsychologin Christina Pollak.

In der Radetzky-Kaserne im 16. Bezirk sitzt der Militärkommandant von Wien, Brigadier Karl Schmidseder, an seinem Schreibtisch. Er ist nicht der Typ Büromensch, er ist der Typ Kämpfer: militärischer Haarschnitt, durchtrainiert, Felduniform. Schmidseder denkt hinaus über den Schützengraben, er denkt in Zeiten schwindender Grundwehrdiener an Migrantenkinder. „Auch wenn das viele nicht hören wollen: Hier liegt eine Menge Potenzial, sie könnten zum Multiplikator werden – ähnlich wie bei der Polizei.“

Der Exodus aus den Kasernen beunruhigt den Kommandanten nicht oder noch nicht, er sagt: „Der Wettbewerb schadet dem Bundesheer nicht. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir immer noch attraktiv sind für junge Männer.“

Es ist eine Art Morgenröte, die sich langsam über den Kasernen ausbreitet: Tauglich oder nicht – das ist, letztlich, auch eine Frage, der sich das Bundesheer selbst wird stellen müssen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2009)

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