Religion: Herzliche Diskussion statt Machtprobe
22.11.2009 | 11:01 | (DiePresse.com)
Heikles Treffen zwischen Papst Benedikt und dem Erzbischof von Canterbury. Die katholische und die anglikanische Kirche betonen Willen zur Ökumene.
Nach Irritationen um ein Angebot der katholischen Kirche an die Anglikaner für einen vereinfachten Übertritt haben die Oberhäupter der beiden christlichen Kirchen ihren Willen zur Ökumene bekräftigt: Papst Benedikt XVI. empfing den anglikanischen Primas, den Erzbischof von Canterbury Rowan Williams, am Samstag zu "herzlichen Diskussionen", wie der Vatikan mitteilte. Britische Zeitungen hatten das Gespräch zwischen dem Papst und dem Ehrenoberhaupt der Anglikaner im Vorfeld zu einer Machtprobe zwischen den beiden Kirchenführern stilisiert, da immer mehr konservative Anglikaner weltweit zum Katholizismus übertreten.
Im Oktober hatte der Vatikan neue Regeln für Konvertiten aufgestellt, die sich wegen der Priesterweihe von Frauen und der Haltung zur Homosexualität von der "Church of England" abgewendet haben. Dabei will die katholische Kirche künftig im Einzelfall auch verheiratete Priester der Anglikaner aufnehmen - angesichts des Zölibats ein folgenreicher Schritt. Williams bezeichnete den päpstlichen Vorstoß als "fantasievoll". Laut Radio Vatikan sagt er, dies werde nach seiner Einschätzung nicht zu Massenübertritten führen.
Treffen als privat eingestuft
Der Vatikan teilte mit, Papst Benedikt und Erzbischof Williams hätten am Samstag die jüngsten Entwicklungen der Beziehungen zwischen beiden Glaubensgemeinschaften sowie die Herausforderungen für alle Christen am Beginn dieses Jahrtausend besprochen. Beide Seiten betonten demnach, die Zusammenarbeit zwischen den christlichen Kirchen vertiefen zu wollen. Weitere Einzelheiten zu dem als privat eingestuften Treffen wurden nicht bekannt.
Das vereinfachte Übertrittsangebot war für die anglikanische Führung in Großbritannien offenbar sehr überraschend gekommen. Williams hatte bedauert, er sei "erst sehr spät" in Kenntnis gesetzt worden. Vatikan-Experte Bruno Bartoloni sagte der Nachrichtenagentur AFP, dass die Initiative des Vatikan auch den Anglikaner nutze, da "reaktionäre Kräfte" so zur katholischen Kirche wechseln könnten, anstatt die eigene Glaubensgemeinschaft zu spalten.
Die anglikanische Kirche hatte sich im 16. Jahrhundert von der katholischen Kirche abgespalten, nachdem sich Papst Clemens VII. geweigert hatte, die Ehe des englischen Königs Heinrich VIII. mit Katharina von Arragon annullieren zu lassen. Theologisch trennte beide Glaubensgemeinschaften über Jahrhunderte nicht viel, allerdings erkennen die Anglikaner die Sonderstellung des Papstes nicht an. Der theologische Dialog zwischen Rom und den Anglikanern war nach dem historischen Treffen zwischen Papst Paul VI. und dem damaligen anglikanischen Primas und Erzbischof von Canterbury, Arthur Ramsey, 1966 im Vatikan aufgenommen worden.
Nach den weitreichenden Reformen der vergangenen Jahre befinden sich die Anglikaner in einer Identitätskrise. Zum Leidwesen konservativer Strömungen führte die anglikanische Kirche die Priesterweihe von Frauen ein, begann mit der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren und ließ offen homosexuelle Priester und Bischöfen zu. Dies führte auch wieder zu einer gravierenden Entfremdung mit Rom. Anfang der 90er Jahre trat der Londoner Bischof Graham Leonard und Hunderter weitere anglikanische Geistliche zur römisch-katholischen Kirche über. Weltweit zählen die Anglikaner rund 77 Millionen Anhänger. Die katholische Kirche hat etwa 1,1 Milliarden Gläubige.
(Ag.)
