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27.05.2012 00:37

Geschmacksfrage: Orlando di Castello

01.10.2009 | 21:13 | von Rainer Nowak (Die Presse - Schaufenster)

Bild: (c) Julia Stix

In Wien wird leider noch immer "Sex and the City" zitiert. Warum nicht Steaks & Schokolade?

Manchmal träume ich davon, den Lohnschreiberjob an den Nagel zu hängen und Gastronom zu werden. Dann würde ich ein paar befreundete Designer – etwa die von Soda – bitten, mir einen schicken Holzkiosk zu entwerfen, der im Idealfall Pariser oder baskische Fischmärkte zitiert. Dort würde ich dann um Unsummen Austern, Sprudel und Bier anbieten. Für die Anti-Austern-Fraktion würde ich wilden Fisch roh offerieren, der von Global-2000-Aktivisten liebevoll über­redet wurde, ins Netz zu gehen. Dann würde ich die Gastrokritiker einladen und staunen lassen. Dezent würde ich die Kellnerinnen immer wieder „Paris!“, „Barcelona!“, „Tokio!“ flüstern lassen, positive Kritiken wären mir sicher. Zumal ich mich dezent hinter einem Strohmann verstecken würde.

 ((c) Julia Stix)
((c) Julia Stix)
Das fiel mir zufällig ein, als ich im neuen Orlando di Castello saß, einem grell-hellen Lokal, das architektonisch die Themen „Alice im Wunderland“-Kitsch, Blumentopf-Lounge und zur Abwechslung die Farbe Weiß mischt. Betrieben wird es von Karl Wlaschek jr. – der Senior führt das Café Central. Wer dieses Design für große weite Welt hält, war wie ich schon zu lange nicht mehr dort. Oder hat ein Augenleiden. Und, nein, zwei Dutzend Mittdreißigerinnen machen eben noch keine Folge von „Sex and the City“. Leider.

Aber kommen wir zu Erfreulicherem: Hier werden kulinarisch gleich zweieinhalb Wiener Defizite von Küche und freundlichem Serviceteam behoben. Erstens wird Frühstück fern des Kaffeehausrauchs – verboten, bravo! – geboten, das wäre das halbe. Dann gibt es von Patissier Pierre Reboul süße Köstlichkeiten, wie sie in Österreich selten sind. Unter Namen wie Black Beauty werden da Schoko-Schnitz- und Schichtkunstwerke gebastelt, die wahre Geschmacksbomben sind – das alles ohne fetten Mehlspeisenturm auf dem Teller. Drittens gibt es nun in dieser Stadt, in der die meisten „Fleischhauer“ keine wirklich guten Rindssteaks liefern, steirische Fleischware, bei deren Verzehr sogar ich andächtig still bleibe. Die Vorspeise, Lachs-Ceviche, schmeckt nett, könnte aber auch Sashimi mit Limettensaft heißen. Die Burger punkten zwar dank des Fleisches, sind aber sehr klein. Wenn Sie im Orlando einen fast jungen Mann mit schwarzen Sonnenbrillen beobachten, der „Steaks und Black Beauty!“ brüllt: Das bin ich.

INFO
Orlando di Castello, Wien 1, Freyung 1, Tel.: 01/533 76 29, Mo bis Sa 7.30 bis 23 Uhr


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Bild: (c) Julia Stix