Wunderfrüchte: Vitamin Wettkampf
15.10.2009 | 17:46 | von Christina Dirnbacher (Die Presse - Schaufenster)
Fit durch die kalte Jahreszeit mit den angeblichen Wunderfrüchten Acai-, Goji-Beere, Boysenbeere und Kalamansi. Nur wohlklingend oder auch wohltuend?
Griffen verkühlte Nasen während der Herbstmonate früher täglich zum Glas frisch gepressten Orangensaft, um das geschwächte Immunsystem wieder auf Touren zu bringen, schwört man heute auf exotische Wunderfrüchtchen. „Hohes C“ war gestern: Wer hip sein möchte, macht es wie Madonna und stößt mit Säften aus der Acai- oder der Goji-Beere auf seine Gesundheit an. Was sich die Popdiva und andere Beautyfanatiker von den tropischen Beeren erhoffen? Vitalität und einen
Teint, der „forever young“ ausstrahlt. So gelten etwa die purpurroten Acai-Beeren, die auf den Assaipalmen der brasilianischen Regenwälder wachsen, und die fruchtig-herb schmeckenden Goji-Beeren aus China als regelrechte Vitaminbomben, die unsere Abwehrkräfte stärken sollen.
Doch was sagen Ernährungsexperten dazu? „In 100 g Acai-Beeren stecken 17 mg Vitamin C. Das ist nicht besonders viel. Im Vergleich dazu: Unsere heimischen Himbeeren haben 25 mg Vitamin C pro 100 g. Und Orangen liegen bei 50 mg. Absoluter Spitzenreiter ist die Hagebutte mit 1250 mg pro 100 g“, erklärt Prof. Jürgen König vom Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Wien. Teemischungen wie „Acai Green Tea“ und „Goji Raspberry Green Tea“ klingen zwar erfrischend exotisch und sind bestimmt eine wohltuende Abwechslung an grauen Regentagen, doch mit dem altbewährten Hagenbuttentee ist man gegen die Erkältungswelle anscheinend besser geschützt. Noch dazu, wenn man bedenkt, dass durch das Aufbrühen mit heißem Wasser ein Großteil des Vitamins C verloren geht. „Ich schätze den Vitaminverlust auf 20 Prozent“, so der Experte.
Meinungsverschiedenheiten. Das kann beim Acai-Saft, der etwa im Energydrink „Schwarze Dose 28“ enthalten ist, nicht passieren. Bei diesem Produkt stützt man sich nicht auf den vermeintlich hohen Vitamin-C-Gehalt, sondern versucht, mit den ein- und mehrfach gesättigten Fettsäuren, die sich im Regelfall positiv auf das Herz-Kreislauf-System auswirken, zu punkten. Doch auch hier dürften die Meinungen von Handel und Wissenschaft auseinandergehen. „Der Anteil von mehrfach ungesättigten Fettsäuren der Acai-Beere beträgt 0,6 g pro 100 g. Das ist meiner Meinung nach zu gering, um auf die positive Wirkung hinsichtlich Herz-Kreislauf-System abzuzielen“, betont Ernährungswissenschaftler König. So ähnlich verhält sich die Situation Mineralstoffe wie beispielsweise Kalzium betreffend. „Um den Tagesbedarf an Kalzium zu decken, müsste man rund zwei Kilo Acai-Beeren essen“, veranschaulicht König.
Woran die beerigen Exoten allerdings reich sind – und das wird auch von der Ernährungswissenschaft bestätigt –, ist die große Menge an Anthocyanen. Anthocyane zählen zu den sekundären Pflanzenstoffen und sind für die dunkle, blaurote Farbgebung der Früchte verantwortlich. Diverse Studien belegen deren antioxidative Wirkung, das heißt: Sie schützen den Organismus, indem sie freie Radikale binden.
Diesen Umstand macht sich auch die Kosmetikindustrie zunutze. So zieren die kleinen, roten brasilianischen „Powerbeeren“ etwa die Etiketten der Gesichtswässerchen der amerikanischen Beautypflegelinie „Borba“. „Da freie Radikale auch vor der Schädigung von Hautzellen nicht haltmachen, können Inhaltsstoffe mit antioxidativer Wirkung – wie das bei der Acai- und Goji-Beere der Fall ist – durchaus als Radikalfänger fungieren“, so König. Dennoch: Diese Wirkung darf nicht einzig und allein den Exoten unter den Obstsorten zugeschrieben werden. „Unsere heimischen Beeren wie Heidelbeere, Brombeere, aber auch Ribisel oder Trauben enthalten ebenfalls Anthocyane und wirken somit antioxidativ“, bringt es der Ernährungsexperte
auf den Punkt.
Gegen den Einheitsbrei. Also warum zum Smoothie aus Boysenbeeren greifen – diese entstehen durch eine Kreuzung aus Himbeere und Brombeere –, wenn Säfte aus Heidelbeer und Co. anscheinend ebenso verjüngen. Nur weil es exquisiter klingt? Dann haben Sie bei der Wahl zur neuen Vöslauer-Balance-Sorte wahrscheinlich auch für den Kandidaten „Kalamansi“ gestimmt, der kürzlich als Sieger gewählt wurde. Keine Frage: Diese grüngelbe „chinesische
Orange“ – das Ergebnis einer Liaison zwischen Mandarine und Kumquat – ist wirklich einmal ein höchst ausgefallener Vitamin-C-Lieferant. Doch wie ergiebig? „Mit 45 mg Vitamin C pro 100 g ist der Gehalt mit dem einer Orange durchaus vergleichbar“, so Ernährungswissenschaftlerin Prapasri Puwastien von den Philippinen, wo die Frucht überwiegend kultiviert wird. So gesehen können Sie Ihr „Hohes C“ mit bestem Gewissen durch eine gesunde Portion an Kalamansi ersetzen. Schließlich wollen unsere Geschmacksnerven ja auch nicht immer denselben Obsteinheitsbrei verabreicht bekommen.
