Jagd auf das Schönheitsideal
13.07.2009 | 11:04 | von Erich Kocina und Doris Kraus (Die Presse)
Die Schönheit ist ein flüchtiges Ideal. Und wir jagen es unser ganzes Leben lang. Der Trend zu mehr Natürlichkeit nützt da leider gar nicht viel.
Der Fitnesstrainer im Londoner Sportstudio „Oasis“ wusste schon vor Jahren, wie man Frauen auf Touren bringt. Drohten seine Opfer bei „Sit up“, „Knees up“ oder „Bums up“ zu erlahmen, brauchte er nur ein Zauberwort: „Bikinis, ladies, bikinis.“ Es verfehlte seine Wirkung nie.
Der Bikini stellt für viele Frauen das Maß aller – körperlichen – Dinge dar. Zwei Fetzen Stoff, die den Menschen einmal im Jahr auf die Figur reduzieren. Durch den „sie“ beim Farbeschinden Farbe bekennen muss, ob „sie“ entspricht, ob sie ein weiteres Lebensjahr so bewältigt hat, dass „sie“ noch immer – oder schon wieder – schön genannt werden darf. Und obwohl sich die Kriterien für Schönheit ständig subtil verschieben, an bestimmten Parametern wird nicht gerüttelt. Wer heute als schön gelten will, muss schlank sein, glatt sein, straff sein. Sich unter Kontrolle haben. Über die Unordentlichkeit des Lebens siegen.
Schönheit ist ein ebenso relatives wie absolutes Konzept. Absolut daran ist, dass es immer irgendein Ideal gibt, an dem man sich misst oder – im Normalfall – gemessen wird. Absolut daran ist auch, dass „schön nur die Leerformel für das Begehrte ist“. Zu diesem Schluss kam der Literaturwissenschaftler Wilhelm Trapp. Er sollte es wissen, er promovierte immerhin über Schönheit. Und nachdem „Begehren“ ein dynamisches Konzept ist, das der Natur des Menschen inhärent ist, steht damit auch schon fest, dass die Chance sehr groß ist, dass er immer nach Schönheit strebt.
Dünn = Leistung. Während sich die Schönheit innerer Werte als relativ stabiles Konzept erwiesen hat – „gut“ wird noch immer als „schön“ empfunden –, ist die Idee der äußerlichen Schönheit ebenso relativ wie vergänglich. Und sie zielt auf das Seltene ab. Galt in mageren Jahren wie dem Barock gerade die Fülle als schön, ist es in den heutigen fetten Jahren das totale Gegenteil. Schön ist in Zeiten übergewichtiger Bevölkerungsmehrheiten, wer schlank ist. „Dünn wird heute mit Leistung gleichgesetzt. Und umso mehr, je schwerer das angesichts des großen Angebots an Lebensmitteln wird“, meint die Ernährungspsychologin Andrea Engleder.
Wer widersteht, besteht also. So sieht das auch Gerda Buxbaum, Direktorin der Modeschule Wien im Schloss Hetzendorf – einer Schule, die nahe an der Modelbranche dran ist, kaum Probleme mit Drogen hat, dafür aber umso mehr mit Magersucht. „Wer heute schlank ist, zeigt, dass er sich unter Kontrolle hat. Diszipliniert ist. Fit ist. Außerdem wird Schlankheit mit Jugend assoziiert. Und damit auch mit der Unsterblichkeit.“
In einer durch und durch medialisierten Gesellschaft ist das Aussehen gleichbedeutend mit Erfolg oder Misserfolg. Der eigene Körper wird Leinwand. Die Obsession damit ist entsprechend. 23 Millionen Mal wurde dieser Suchbegriff bei Google eingegeben, zeigt die Studie „Body & Health“ der deutschen Internationalen Gesellschaft für Zukunfts- und Trendberatung. Der Körper wird zum Schauplatz. Er – und alles, was mit ihm zusammenhängt – bleibt auch weiterhin ein „Zukunftsmarkt“, prophezeit die Untersuchung.
Auch deshalb, weil diesem Markt gerade wieder einmal ein Wandel unterstellt wird: „Schön“ ist angeblich auf dem Weg von allzu viel Künstlichkeit zu mehr Natürlichkeit. In Zeiten klapperdürrer Models, essgestörter Töchter und skalpellhöriger Mittdreißiger mehren sich die Versuche, das Konzept Schönheit wieder mehr in Richtung Natürlichkeit zu rücken. So sind es bezeichnenderweise nicht mehr nur Gutmenschen und professionelle Besserwisser, die eine endgültige Abkehr vom Ideal des Dünnen fordern. Niemand Geringerer als Alexandra Shulman, Herausgeberin der britischen Modebibel „Vogue“, forderte vor Kurzem in einem Brandbrief an die großen Designer, sie mögen doch aufhören, für „zero-size-models“ zu schneidern. Man müsse für Fotosessions mittlerweile so dünne Mädchen anheuern, dass man ihnen anschließend wieder ein bisschen Fleisch auf die Knochen retuschieren müsse, um die öffentlichen Sensibilitäten nicht gar zu sehr zu verletzen, beschwerte sich Shulman.
Auch ein anderer Auswuchs des Schönheitskults gerät zunehmend in Verruf: das Messer. Der deutsche Schönheitschirurg Werner Mang erklärte im „Zeit“-Magazin, sein momentanes Hauptgeschäft seien „New Yorker und Kalifornier mit operierten und gelifteten Gesichtern, die wieder natürlich aussehen und ihre Mimik zurückhaben wollen“.
Die „Dove“-Frauen. Karin Höfferer freut dieser Trend: „Es gibt zu viele ältere Gesichter, die nach Operationen nur mehr wie Fratzen aussehen“, meint sie. Höfferer arbeitet für Unilever, deren Kosmetikmarke „Dove“ als Vorreiter in Richtung eines natürlicheren und individuelleren Schönheitsbegriffs gilt. Für die mutige und mittlerweile berühmt gewordene „Dove-Kampagne“ stellten sich 2004 Frauen jeden Alters mit alles anderen als perfekten Körpern vor die Kamera. Einzige Auflage: glücklich und sympathisch sollten sie aussehen und die Öffentlichkeit damit für einen breiteren Schönheitsbegriff sensibilisieren. Die Chancen stehen allerdings gut, dass sich auch diese Frauen selbst nicht schön finden. Laut einer weltweiten, ebenfalls von Dove durchgeführten Studie tun das nämlich nur zwei Prozent aller Frauen.
Wenn man die Prämisse akzeptiert, dass das „Natürliche“ das Schönheitsideal des 21. Jahrhunderts werden könnte, klingt das beruhigend. Ist es aber nicht. Denn auch die „natürliche Schönheit“ muss bestimmte Kriterien erfüllen – und deren Erreichung kann locker ein ganzes Leben in Anspruch nehmen.
Alles nur optische Täuschung. Das beginnt damit, dass der Begriff „Natürlichkeit“ eine implizite Altersangabe enthält. Dazu gehört, möglichst jung und gesund auszusehen. Und um sich diesem Ideal anzunähern – oder sich nicht zu weit von ihm fortzubewegen –, bedarf es großer Anstrengung. Je weiter das Alter voranschreitet, umso schwieriger wird es, die Attraktivitätskriterien zu erfüllen, die Illusion der Jugend aufrechtzuerhalten. Und das noch dazu auf eine Weise, die nicht allzu deutlich zeigt, dass die attraktive Erscheinung nur optische Täuschung aus Make-up und Push-up ist. Anders gesagt: Der natürlichen Schönheit mit dem Schminkkoffer auf den Sprung zu helfen ist schon in Ordnung – nur sehen sollte man es eben nicht.
Wie stark das Ideal der Natürlichkeit auf die Jugendlichkeit abzielt, lässt sich unter anderem am aktuellen Verhältnis zur Körperbehaarung erkennen. Die gilt nämlich eindeutig als nicht attraktiv. „Ein unbehaarter Körper ist ein Jugendmerkmal“, sagt Martin Gründl, Attraktivitätsforscher an der Uni Regensburg. Unbehaarte Beine – ein Merkmal deutlich jüngerer Frauen – gelten schon länger als Selbstverständlichkeit, doch auch die Achselrasur ist bei Frauen mittlerweile Standard. Aber nicht nur bei Frauen ist Körperbehaarung das Gegenteil des Schönheitsideals, auch bei Männern ist heute ein Trend zu beobachten, den es früher nur bei Models gab: der zum glattrasierten Körper. Eigentlich – Stichwort Natürlichkeit – die Übernahme eines femininen Merkmals.
„Zwischen 50 und 70 Prozent der jungen Leute rasieren sich am ganzen Körper“, sagt Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. Auch die Männer: „Ein Drittel rasiert sich unter den Achseln, die Hälfte im Schambereich.“ Vor allem junge Menschen, die stark fitness- und körperorientiert sind, legen auch mehr Wert auf glatte Haut.
„Glatt“ als gängiges Schönheitsideal gibt aber nicht nur in Bezug auf die Körperbehaarung den Ton an. Als Ideal gilt auch glatt im Sinne von straff. Muskeln statt Fett, hart statt schwabbelig ist in den reichen Industrienationen der westlichen Welt das Gebot der Stunde. „In etwa zwei Dritteln aller Kulturen werden Körper als attraktiv empfunden, die fülliger – nicht unbedingt dick – sind“, sagt Attraktivitätsforscher Gründl. „Das westliche Schlankheitsideal ist ein typisches Wohlstandsmerkmal.“ Ein Merkmal, das, ebenso wie die permanente Enthaarung, mit einem recht großen Aufwand verbunden ist. Von der Zurückhaltung bei der Ernährung bis zum regelmäßigen Sport, mit dem versucht wird, möglichst lange dem Ideal eines straffen Körpers zu entsprechen.
Kunstbusen wird kleiner. Reicht der Sport nicht mehr aus, hilft am Ende auch wieder nur das Messer. Das wird heute genauso eingesetzt wie eh und je. Wenn sich auch die Ziele ein wenig gewandelt haben. Die übernatürlichen Brustvergrößerungen à la Pamela Anderson gibt es heute kaum mehr. In den USA hat die Größe der Brustimplantate im Vergleich zu den Neunzigern jedenfalls abgenommen. In Europa sind sie dagegen in den letzten Jahren etwas größer geworden – und haben sich mit den amerikanischen etwa in der Mitte getroffen. Die natürliche Mitte als Ideal, scheint's.
Wie ein attraktiver Körper genau beschaffen sein muss, versucht auch die Wissenschaft immer wieder objektiv zu erfassen und in harte Zahlen zu pressen. Da wird etwa das Kurvenverhältnis eines Körpers in Zahlen gegossen. Das ideale Verhältnis bei Frauen ist angeblich 0,7 (Taillenumfang geteilt durch Hüftumfang). Scarlett Johansson hat diesen Wert, Marilyn Monroe hatten hatte ihn auch.
In Tests mit Versuchspersonen, die die Attraktivität anhand von Bildern bewerten sollten, wurde festgestellt, dass diese Methode mit Frauenfiguren recht gut funktioniert. Bei Männern hat sich bis jetzt noch keine Formel gefunden, die ähnlich gute Ergebnisse liefert. „Und bei Gesichtern gibt es bis heute noch keine zufriedenstellende Lösung“, sagt Martin Gründl.
Schminke wirkt. Derartige Versuche rütteln dann doch wieder an der These, dass der Trend in Richtung Natürlichkeit geht. Kommen verbale Befragungen immer wieder zum Ergebnis, dass Natürlichkeit besonders wichtig ist, sieht es bei solchen Tests nämlich genau umgekehrt aus. „Zeigt man den Leuten Bilder“, so Gründl, „werden immer geschminkte Gesichter bevorzugt.“ Bei allen Versuchen, „big“ als „beautiful“ zu propagieren, wird der Effekt ein ähnlicher sein. Dementsprechend wird im Sportstudio „Oasis“ auch in Zukunft der Anfeuerungsruf „Bikinis, ladies, bikinis“ seine Wirkung nicht verfehlen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2009)
