Chantal Thomass: Drunter und drüber
29.06.2009 | 10:49 | von Petra Percher (Die Presse - Schaufenster)
Die Grande Dame der Lingerie, Chantal Thomass, wurde ausnahmsweise einmal selbst verführt: Von Nivea. Heraus kam eine betörende Make-up-Kollektion.
Sex sells. Da ist mit Sicherheit was dran, sonst wäre Chantal Thomass, die „Königin der Lingerie“, nicht so begehrt, wenn es gilt, Produkten ein gewisses Etwas mitzugeben. Sie brachte mit IXC Barcelona Kugelschreiber heraus, für einen Pariser Konditormeister entwarf sie Petit Fours, für Lampes Berger eine Leuchte, im Auftrag von Disney kleidete sie Minnie zum 80. Geburtstag ein und soeben kam ihr fünftes Parfum heraus: Osez-moi! Was in etwa so viel heißt wie ein schnippisches „Na, trauen Sie sich!“. Die Herausforderung bekam Chantal Thomass prompt vom Kosmetikriesen Nivea, der die kooperationserprobte Designerin um eine Make-up-Kollektion bat. Sie schnürte Blush in Korsetts, versteckte Lidschatten hinter Schlüssellöchern und gab Lippenstiften nicht bloß Nummern, sondern sexy Namen wie „Rose So Lovely“, „Pink Baby Doll“ und „Rouge d’Amour“.
So klingt das eben, wenn Beauty auf Boudoir trifft.
Für Nivea ist der Ausflug in die Welt der Mode Neuland. Die Erwartungen sind aber offenbar hochgesteckt, denn eine zweite Kooperation wurde bereits fixiert: Der indische Modeguru Manish Arora wird die nächste Make-up-Linie kreieren. Und damit die Mischung aus Luxus und Leistbarkeit besser verständlich wird, hat sich der Konzern für die Pressemitteilung sogar zwei neue Wörter ausgedacht: „Mass-tige“ und „Mass-clusivity“. Klingt unlogisch, beschreibt aber recht gut das Bemühen, ein bisschen Prestige und Exklusivität der Modewelt in Form von Lippenstiften und Lidschatten unters Volk zu bringen. Wir haben Chantal Thomass gefragt, wie sie die Kooperation sieht und was Frauen sonst noch bewegt.
Ein Luxuslabel wie Chantal Thomass und die Marke Nivea, wie passt das zusammen?
Ich war froh, dass sie mich gefragt haben, denn eine eigene Make-up-Kollektion zu entwerfen kostet ein Vermögen. Ich wollte aber immer schon die Sinnlichkeit der Lingerie auf Make-up übertragen.
Nivea und Sie waren sich also immer einig?
Nein. Die Farbwahl der Verpackung war sehr schwierig. Meine Lieblingsfarbe ist Schwarz. Nivea hat das typische Blau. Wir trafen uns schließlich in der Mitte: Nachtblau. Kombiniert mit Silber schaut es aus wie Chantal Thomass. Aber auch wie Nivea. Natürlich musste überall das Marketing zustimmen und das Controlling, weil der Preis ja niedrig bleiben muss. Das ist normal. Wie immer wollte ich zu viel und musste irgendwann gestoppt werden.
Früher ließen Sie sich nicht leicht stoppen. Sie haben Dessous entworfen, als Frauen gerade ihre BHs verbrannt haben. Was hat sich seither verändert?
Das war nicht einfach mit den 68ern. Unterwäsche musste versteckt werden und durfte höchstens funktionell sein. Als ich Models schöne BHs unter der offenen Jacke anzog, waren die Zuschauer geschockt. Richtige Probleme bekam ich mit Feministinnen aber erst, als ich in den 90ern lebendige Schaufensterpuppen ausstellte. Inzwischen ist Lingerie etwas Normales. Heute wissen Frauen, dass es ihnen Selbstsicherheit gibt und die Silhouette verbessert. Wenn man sich in der Früh in schöner Wäsche in den Spiegel schaut, steht man automatisch aufrechter. Das ist so. Bei Dessous geht es eben nicht nur um die Verführung eines Mannes.
Der Körperkult hat sich aber auch geändert. Heute sind Falten und Fettleibigkeit die Feinde der Frau.
Gott sei Dank hat die Lingerie kein Problem mit dem Alter. Schöne Wäsche ist auch keine Frage des Geldes. Ich kenne junge Mädchen, die so lange sparen, bis sie sich ein Stück kaufen können. Dafür gibt es reiche Frauen, denen ist das egal. Es ist eben eine Einstellungssache, ein Luxus, den man nicht sieht, ein ganz persönlicher Spaß. Wer Luxus herzeigen will, steckt sein Geld ohnehin lieber in Taschen.
Tun Sie etwas gegen den Diätwahn junger Mädchen?
Der Druck zur perfekten Figur stresst Frauen sehr. Da ist es auch kein Trost zu wissen, dass viele Bilder im Fotoshop nachbearbeitet werden. Wenn ich Models aussuche, müssen die eine weibliche Figur haben. Scarlett-Johansson-Typen sind am besten für Lingerie, aber schwer zu finden. Bei Victorias Secret gibt’s ja auch keine Magermodels.
Was wäre in Ihren Augen ein Dessous-Fauxpas?
Das Schlimmste ist, wenn Frauen ihre Körbchengröße nicht kennen. Das schaut immer furchtbar aus. Außerdem sollte man zwischen Wäsche, die man am Wochenende unterm T-Shirt trägt, und solcher unter dem Abendkleid unterscheiden. Das tun wir ja auch bei Schuhen. Jede Frau weiß, wann sie Turnschuhe trägt und wann High Heels. Außerdem bin ich ganz schön froh, dass der Stringtanga-Trend unter Hüfthosen wieder vorbei ist . . .
| Chantal Thomass by Nivea |
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| Im September kommen in Österreich vier Lippenstifte, zwei Lidschatten und ein Rouge aus der Chantal Thomass-Reihe auf den Markt. |
